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"Trump verhält sich höchst unamerikanisch"
Berhard Heckler im Gespräch mit Gunter Gebauer (SZ, 6.7.2026)
SZ: Herr Gebauer, ein Anruf von Donald Trump bei Fifa-Chef Gianni Infantino soll dazu geführt haben, dass eine Rot-Sperre für US-Stürmer Folarin Balogun aufgehoben wurde. Wie ordnen Sie als Philosoph und Sportsoziologe diesen Vorgang ein?
Gunter Gebauer: Das ist ein Eingriff einer politischen Macht in die Autonomie des Sports, von einer Schwere, die wir bisher selten gesehen haben. Für diese Einschätzung ist es im Grunde unerheblich, ob Trump wirklich durch seinen Anruf den Vorgang bewirkt hat, oder ob er sich nur damit brüstet. Die Einmischung kommt von einem Mann, von dem berichtet wird, dass er beim Golfspielen den Ball hinter dem Rücken seiner Mitspieler einfach verlegt, sodass er eine günstigere Ausgangsposition hat. Dieser Präsident ist ein Schummler.
SZ: In welche Kategorie von Grenzüberschreitung fällt sein neuester Trick?
GG: Besonders fatal ist, dass die höchste politische Autorität des Veranstalterlandes, also der Präsident selbst, sich eingeschaltet hat, um zugunsten seiner Mannschaft einen Vorteil herauszuholen. Das ist einmalig. Nehmen Sie zum Beispiel die Olympischen Spiele 1936 in Deutschland. Da saß Adolf Hitler auf der Tribüne und hat nicht ein einziges Mal eingegriffen. Obwohl er später alle möglichen Verträge gebrochen hat, muss man sagen: Selbst Gastgeber Hitler hat sich an die Regeln des Sports gehalten. Wer das nicht getan hat, war Nero. Nero hat bei den Olympischen Spielen mehrere Gespanne beim Pferderennen unter seinem Namen laufen lassen. Offiziell wird er als Olympiasieger geführt.
SZ: Bisher hat Trump sich nicht wirklich erkennbar für die Fußball-WM in seinem Land interessiert. Jetzt nimmt er auf offener Bühne Einfluss auf die Fifa, die ja bisher eher für klandestine Hinterzimmergeschäfte bekannt war. Wie ist das zu bewerten?
GG: Der Präsident der Fifa hat sich Trump ja regelrecht an die Brust geworfen. Er hat ihm einen Friedenspreis überreicht, den es gar nicht gibt, den er im Namen der Fifa einfach erfunden hat. Das ist schon etwas, was noch nie vorgekommen ist. Er hat ihm auch schon eine Goldmedaille umgehängt. Auch jetzt tut er offenbar alles, um den amerikanischen Präsidenten zu umschmeicheln. Warum Trump sich vorher nicht geäußert hat, ist ganz evident: Er versteht vom Fußball offenbar nichts, und interessiert sich auch nicht dafür. Wahrscheinlich hält er, wie viele durchschnittliche Amerikaner, die American Football lieben, den „Soccer“ für ein indiskutables Spiel. Weil es unentschieden ausgehen kann, sogar 0:0. Aber alles ändert sich in dem Moment, in dem die Amerikaner gewinnen können: America first, egal wo, wahrscheinlich sogar beim Wettangeln.
SZ: Die Fifa setzt die Sperre „zur Bewährung“ aus. Das klingt nach einem erfundenen Vorgehen.
GG: Das ist es auch. Es geschieht ohne Angabe von Gründen. Man ist einfach eingeknickt. Mehrere Instanzen haben zuvor entschieden, dass der Spieler für ein Spiel gesperrt werden muss: der Schiedsrichter auf dem Feld, der VAR und der Ergebnisbericht am Ende des Spiels, der ein offizielles Dokument ist. Am Schluss stehen Tatsachenentscheidungen, die nicht anfechtbar sind. Gerade beim Fußball ist das so wichtig, weil es dort so viele schwer zu entscheidende Situationen gibt. Sonst könnte man nach jedem zweiten Spiel zum Gericht laufen. Durch sein Eingreifen verdreht der Präsident die Tatsachen. Das kennen wir ja von Trump, aus seiner Politik: Er verdreht Tatsachen, er schafft Kontrafakten. Das ganze Wertesystem von Wahrheit und Falschheit, Lüge und Verbrechen, korrektem und regelkonformem Verhalten wird auf den Kopf gestellt.
SZ: Was bedeutet der Eingriff für Fußballfans, deren Vertrauen in das Regelwerk aus den Angeln gehoben wurde, also auf der sportphilosophischen Ebene?
GG: Im gewöhnlichen Leben wissen nicht, was DIE Wahrheit ist. Aber der Fußball kann durch den Schiedsrichter und den VAR, aufgrund seines Reglements für alle, die sich diesem Reglement unterwerfen, für sich reklamieren, zu sagen: Das und jenes ist DIE Wahrheit. Zum Beispiel ist für uns eine bittere Wahrheit, dass England 1966 das 3:2 gegen Deutschland geschossen hat. Es gibt immer wieder Leute, die sagen, das stimme nicht. Aber innerhalb des Fußballs ist es wahr. Dazu kommt beim modernen Fußball das unglaublich elaborierte Instrumentarium der Wahrheitsfindung: Chip im Ball, halbautomatische Abseitserkennung, erneutes Anschauen von Szenen. All das wird ja ad absurdum geführt, wenn Entscheidungen per Telefonanruf einkassiert werden.
SZ: Könnte man sagen, dass es keine potentere Sphäre der Wahrheit gibt als den Fußball? Und dass Trump durch sein Eingreifen sogar die beschädigt hat?
GG: Ja,die Wahrheit IM Spiel, das ist eine gesicherte Wahrheit. Nicht Wahrheit an sich. Darüber wissen wir nichts. Aber die Wahrheit im Spiel ist ungeheuer wichtig für alle, die es spielen. Ein US-amerikanischer Trainer aus dem Bilderbuch würde diese Rücknahme der Entscheidung nicht akzeptieren und den Spieler freiwillig nicht aufstellen. Das wäre das Fairste.
SZ: Sie meinen, das wäre die eigentlich amerikanischste Lösung?
GG: Für die Amerikaner ist die Regelgerechtigkeit im Spiel ein hohes Gut. Sie halten sich gern an Regeln, das ist bekannt, viel mehr als Europäer. Ich spreche nicht nur vom Fußball, sondern vom allgemeinen Verhalten. Für Europäer bedeutet Regeleinhaltung oft Konformismus oder Unterwerfung unter Normen. Für Amerikaner ist das aber etwas, das sie von Kindheit an lernen und auch so ausführen.
SZ: Trump ist in diesem Verständnis also sehr unamerikanisch.
GG: Ja, er verhält sich höchst unamerikanisch. Beim Pokern zu tricksen oder beim Golfspiel den Ball zu verlegen, das sind indiskutable Dinge, weil sie total unmoralisch sind.
SZ: Was wollte Trump mit seinem Vorgehen beweisen? Und wem?
GG: Ich denke, Trump will zeigen, dass er mit seinem Verhalten, das sich keinen moralischen Regeln beugt, alles bestimmen kann. Er kann es bestimmen, wenn es um die Nichtanerkennung einer regulären Wahl geht, wie bei der vorletzten Wahl; er kann es beim Golfspiel machen, und er kann es beim Fußball machen. Wenn die Staatsspitze sich amoralisch verhält und sich auch noch damit brüstet, dass sie damit durchkommt: Das ist das Schlimmste. Ich habe gesehen, dass Sie in Ihrer Zeitung ein paar Bücher zu einem besseren Verständnis für die USA empfohlen haben, darunter auch das wunderbare Buch von Hannah Arendt "Über die Revolution". Da geht es um Gewaltenteilung. Sie schreibt, eine Sache sei den Amerikanern ungeheuer wichtig: Dass es eine oberste gerichtliche Entscheidung gibt. Also nicht nur Exekutive und Legislative, sondern auch die Judikative. Ich hoffe sehr, dass man sich eines Tages darauf zurückbesinnt.