Wolfgang Welsch @ CultD

Wolfgang Welsch

Synthetische Welten?
Blicke auf elektronische Welten, Normalwelten
und künstlerische Welten

Vortrag im Rahmen der Reihe "KKK" im Clemens-Sels-Museum, Neuss, 1994

Dokumentation des VortragsDiskussionsbeitrag über Baudrillard und den ersten Golfkrieg [reset]

Wolfgang Welsch über Relativismus

 

 

Vortragstext

Textauszug aus: Wolfgang Welsch, Synthetische Welten? Blicke auf elektronische Welten, Normalwelten und künstlerische Welten, in: Synthetische Welten. Kunst, Künstlichkeit und Kommunikationsmedien, hg. v. Eckhard Hammel, Essen : Verlag Die Blaue Eule, 1996

Die Menschen träumen vom Paradies. Dieser Traum ist ein doppelter: rückwärts bezieht er sich auf einen verlorenen Zustand vom Anbeginn der Zeiten, vorwärts zielt er auf einen neuen, utopischen Glückszustand, auf ein neues Paradies, das durch die menschliche Geschichte erreicht werden soll. Von Kleist stammt die berühmte Formulierung, daß wir ein zweites Mal "von dem Baum der Erkenntnis essen" müßten, um das Paradies wiederzugewinnen; dies werde "das letzte Kapitel von der Geschichte der Welt" sein. (1)

Ist dieses Kapitel heute mit den elektronischen Medien angebrochen? Bilden deren Künstliche Welten die Eintrittstore in den neuen Garten Eden? Bricht - pünktlich zur Jahrtausendwende - mit dem elektronischen Zeitalter das "letzte Kapitel von der Geschichte der Welt" an, das die verheißungsvolle Überschrift "elektronisches Paradies" trägt? Viele scheinen das zu meinen.

Marshall McLuhan, der geniale Theoretiker der elektronischen Medien, hatte schon 1964 davon gesprochen, daß die neuen Medien uns "das Pfingstwunder weltweiter Verständigung und Einheit" bringen würden. (3) Fortan könnten wir uns alle in der universellen Sprache der elektronischen Medien verstehen. Wir gewännen damit den Zustand vor dem Turmbau zu Babel zurück - also, wenn nicht gleich schon das Paradies, so doch einen vergleichsweise paradiesischen Zustand.

Anderen Theoretikern geht das nicht weit genug. Ihab Hassan erhoffte sich 1975 von der elektronischen Kommunikations- und Medienwelt die Erfüllung des alten gnostischen Traums von einer universellen Kommunikation zwischen Mensch, Materie und Kosmos. Der neue paradiesische Zustand werde sogar vollkommener sein als der alte, denn in ihm werde alles Materielle in Geistiges überführt sein. (3) Wir Menschen werden am Ende nicht bloß zu ursprünglichen Menschen, sondern wir werden sogar zu Engeln, zu reinen Geistwesen geworden sein.

In diese Richtung zielen gegenwärtig auch die Überlegungen von Hans Moravec, dem vielleicht suggestivsten KI-Freak in den USA. Moravec meint, daß wir unser Gehirn - durch "downloading" - auf eine datenprozessierende Maschine übertragen sollten. (4) Dadurch "könnte unser Denken vollständig von jeder Spur unseres ursprünglichen Körpers und überhaupt irgendeines Körpers befreit werden. Der so entstehende körperlose Geist wäre [...] etwas Wunderbares im Hinblick auf die Klarheit seiner Gedanken und die Tiefe seiner Einsicht". (5) Er wäre nicht mehr "menschlich", denn er hätte den Körper überwunden und einen rein geistigen Zustand erreicht. - Auch in dieser avanciertesten Forschungsrichtung also bildet noch immer der Übergang zur reinen Intelligenz das Ziel.

Ist dies eine Vision nur der neuesten Technologien? Nein, es war bereits der innerste Traum der neuzeitlichen Wissenschaft. Francis Bacon hatte zu deren Beginn davon gesprochen, daß die Arbeit des Geistes künftig "wie durch Maschinen zu bewerkstelligen" sei, (6) und Descartes glaubte, wir würden durch die neue Wissenschaft "ohne jede Mühe zum Genuß der Früchte der Erde und aller Annehmlichkeiten auf ihr" gelangen - bis hin zur Überwindung der herkömmlichen conditio humana. (7) Die Medizin beispielsweise werde nicht nur Heilmittel gegen verschiedene Krankheiten, sondern am Ende auch noch ein Remedium gegen den Tod finden. Die Menschen würden durch die neue Wissenschaft und ihre Techniken alles erkennen, alles richtigstellen, alles geistgemäß einrichten können. Damals schon begann man davon zu träumen, daß es am Ende keine gebrechlichen Menschen, sondern nur noch reine Intelligenzen geben werde.

Heute scheinen sich diese Hoffnungen durch die aus jener neuzeitlichen Wissenschaft in einer Art Quantensprung hervorgegangenen Medientechnologien zu erfüllen - oder sogar überzuerfüllen. Denn elektronisch scheinen wir nicht nur engelgleich, sondern sogar gottesgleich zu werden. Die Seinsweise Gottes hat man traditionell als "intermina-bilis vitae tota simul et perfecta possessio" bestimmt, also als "vollumfänglichen, instantanen und vollkommenen Besitz eines unbegrenzten Lebens". (8) Eben dem nähern wir uns heute telekommunikativ. Denn im elektronischen Medienverbund werden alle Realien der Geschichte und Gegenwart zugänglich und alle denkbaren Formen von Kreativität interaktiv möglich. Der elektronische Superhighway der Clinton-Administration wird, so sagt man, aus passiven "Couch Potatoes", die sich bislang allenfalls noch bis zum Kühlschrank bewegten, hochaktive "Couch Commanders" in einem unerschöpflichen Reservoir interaktiver Informations- und Unterhaltungsmöglichkeiten machen. Al Gore untertreibt offenbar, wenn er den Datenhighway allzu prosaisch ein Instrument nennt, das die "Demokratie fördert, Menschenleben rettet und neue Arbeitsplätze schafft". Er hätte von neuer Kreativität mittels Computergrafik und Computeranimation sprechen sollen, vom Morphing des Ehepartners oder der Echtzeitsimulation eines Koitus, von Bewußtseinserweiterungen durch Multimedia oder vom Trend zur virtuellen Erfahrung auch im Geschmacks-, Geruchs- und Tastbereich. Denn auch hier, so versichert man uns, wird bald den ersten Anfangserfolgen (beispielsweise kann man heute schon, in Toronto sitzend, in Echtzeit mit einem Partner in Paris fingerhakeln) das Universum der Möglichkeiten, eine Allgegenwart künstlicher Welten und Paradiese folgen - also, nach der alten Formel, ein gottesartiger Zustand.

Baudelaire hatte 1860 von "Künstlichen Paradiesen" gesprochen, von "Ausnahmezuständen des Geistes und der Sinne", in denen der "Hang zum Unendlichen" erwache. (9) Aber er beklagte die Unzulänglichkeit der traditionellen Mittel hierfür. Opium und Haschisch hätten nämlich den Nachteil, daß die Halluzination für wirklich gehalten werde und mit einer Schwächung des Willens verbunden sei. - Wie sehr hätte Baudelaire dagegen die elektronischen Medien bewundert, die eine Realität perfekt suggerieren, ohne ihre eigene Künstlichkeit zu verleugnen, wo die Virtualität der Halluzination vielmehr durchschaubar und die Freiheit des imaginativen Spiels erhalten bleibt?

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Kurzum: Der Traum Baudelaires, der Traum der Neuzeit, der Traum der Gnosis und der Menschheitstraum vom Irdischen Paradies scheinen sich derzeit und in absehbarer Zukunft in den künstlichen Paradiesen der elektronischen Medien zu erfüllen. - Und wenn manches sich dabei anders einlöst als erwartet, so klage man nicht: Einlösungen erfolgen nie im Verhältnis 1:1. Und eventuelle Einlösungsdefizite werden durch unerwartete Einlösungsüberschüsse kompensiert.

Nach diesen Vorbemerkungen will ich in einem I. Teil meiner Ausführungen einige Überlegungen zum Begriff der Welt und der Künstlichen Welten anstellen, in einem II. Teil auf phänomenale Eigentümlichkeiten der elektronisch-medialen Welten eingehen, im III. Teil einige Gegenakzente setzen und IV. schließlich auf die Situation der Kunst in einer durch die elektronischen Medien geprägten Welt eingehen.
 

I. Welten zwischen Natürlichkeit und Künstlichkeit

Was sind Welten? Und was sind Künstliche Welten? Wie verhalten diese sich zu nicht-künstlichen Welten?

Welt ist - nach Kant - der "Inbegriff aller Erscheinungen". (10) Nun können solche Erscheinungswelten von sehr unterschiedlicher Typik sein. Die Typik hängt von den jeweils leitenden Grundformen der Anschauung und der Begrifflichkeit ab; diese werden sich allen Gegenständen der betreffenden Welt aufprägen. Sinneswesen leben in beträchtlich anderen Welten als Geistwesen.

Und was sind Künstliche Welten? Man wird sagen: Kontrastwelten zur natürlichen Welt. Was aber ist die natürliche Welt? Etwa die Welt der Physik - und will man darunter die Welt der Aristotelischen oder der Galileischen oder der Quantenphysik verstehen? Oder ist die natürliche Welt die Welt der erlebten Natur? Oder die alltägliche Lebenswelt?

1. Welt als Deutungskomplex

Die moderne Philosophie spricht - in ihren hermeneutischen ebenso wie in ihren analytischen Versionen - von einer Vielheit von Welten. Das ist eine Konsequenz daraus, daß es einen unmittelbaren, einen deutungsfreien Zugriff auf Wirklichkeit nicht gibt. Und das ist nicht deshalb so, weil uns ein solcher Zugriff verwehrt wäre, sondern weil die scheinbar selbstverständliche Idee eines deutungsfreien Zugriffs auf Wirklichkeit in Wahrheit in sich widersprüchlich und unhaltbar ist. Wer die These einer Welt-an-sich vertritt, tut etwas anderes, als er meint. Er meint, von einer deutungsunabhängigen Welt zu sprechen. Aber offensichtlich gibt er dabei bereits eine bestimmte Auslegung dieser Welt - eben im Sinn ihrer Transzendenz gegenüber allen Deutungen. Er macht also selber alles andere als eine deutungsfreie Aussage. Diesem Dilemma - daß noch die intendierte Deutungsunabhängigkeit nur als Deutung auftreten kann - vermag man prinzipiell nicht zu entkommen. Auch die postulierte Welt-an-sich ist unweigerlich eine als beschreibungstranszendent gedeutete und beschriebene Welt. Und anders als in derlei Deutungen und Beschreibungen kann es eine Weltvorstellung - wie immer sie im einzelnen beschaffen sein mag - überhaupt nicht geben. Deutung bzw. Beschreibung erweist sich somit als der fundamentalere Horizont, innerhalb dessen Auffassungen über die Wirklichkeit oder Bezugnahmen auf Wirklichkeit überhaupt nur möglich sind. Kurz gesagt: Nicht Realismus, sondern Interpretationismus ist das Prinzip unseres Erkennens. (11)

Ich habe diese Einsicht, daß die Idee einer strikt unabhängigen Wirklichkeit in sich unhaltbar ist, soeben in Anlehnung an die neuere hermeneutische und analytische Philosophie vorgetragen - im Anschluß an Rorty oder Goodman (12) -, aber diese Einsicht ist durchaus älteren Ursprungs. Sie war schon die große Lehre Nietzsches, der den Menschen prinzipiell als animal fingens - als Fiktionen erzeugendes Wesen - verstand; (13) sie war die Lehre Hegels, der zeigte, daß die Unterscheidung von An-sich und Für-uns, von Gegenstand und Bewußtsein in das Bewußtsein selbst fällt; (14) und sie war natürlich bereits die Lehre Kants, der unsere Wirklichkeit als eine Konstruktion im Rahmen transzendentaler Vorgegebenheiten (Anschauungsformen und Kategorien) begriff; (15) ja eigentlich gehörte diese Einsicht schon zum ganzen Ansatz der wissenschaftlichen Neuzeit, die seit Descartes nicht die Abbildung einer bestehenden Wirklichkeit, sondern eine Konstruktion von Wirklichkeit - more geometrico - unternahm. (16)

Aber zurück zur Gegenwart: Die heutige Philosophie betrachtet sämtliche Welten - ganz gleich, ob die Welt des Alltags oder die physikalische Welt oder eine literarische Welt - als Konstruktionen und insofern zumindest ein Stück weit als Artefakte. Allen Welten wohnen künstliche oder fiktionale Leistungen inne, angefangen von den grundlegenden Schemata der Perzeption über die Weisen der Symbolisierung bis hin zu den Bewertungsformen der Gegenstände. Und von keinem dieser Verfahren oder Kriterien kann man sagen, daß es sich einfachhin von einer Wirklichkeit-an-sich herleiten würde. - Alle Welten sind im Grunde künstliche Welten.

2. Stufen der Künstlichkeit

Allerdings sind manche dieser Welten künstlicher als andere. Die Welt von Romanen ist im allgemeinen künstlicher als die des Alltags, und unsere Alltagswelt ist künstlicher als die Welt archaischer Lebensformen. Telefon, Massenverkehrsmittel, Fitneßzentren - gewiß bestimmende Elemente unserer Alltagskultur - sind selbstverständlich keine Naturprodukte, sondern hochgradige Artefakte. Nur: auch die archaische Welt hatte ihre Künstlichkeit - ihre Erfindungen und Rituale. Auch sie war nicht einfach naturgegeben oder naturgewachsen.

Generell bedeutet dies: Man wird immer wieder von etwas Künstlichem zu etwas weniger Künstlichem, zu etwas vergleichsweise Natürlichem zurückgehen können - aber auch dieses wird sich gegenüber etwas noch Natürlicherem als Künstliches darstellen. Oft ist das `künstlich' Genannte ganz einfach das Neue im Kontrast zum Alten - das aber seinerseits schon gegenüber einem Vorausgegangenen etwas Künstliches war. Unsere Wälder und Fluren beispielsweise erscheinen uns als natürlich, aber sie sind hochgradig künstlich gegenüber dem Urwald des Tertiär, während sie sich gegenüber dem Hochhausdschungel von Manhattan als natürlich ausnehmen - der freilich seinerseits im Vergleich mit einer künstlichen Computersimulation der Großstadt von morgen als natürlich erscheinen wird.

Kurzum: Künstlichkeit und Natürlichkeit sind Reflexionsbegriffe. Sie bezeichnen nicht Gegenstände, sondern Hinsichten, Perspektiven, Relationen. Eben deshalb kann ein und dasselbe Objekt einmal - in der einen Hinsicht - als natürlich, und ein andermal - in einer anderen Hinsicht - als künstlich erscheinen. Es gibt nicht künstliche und natürliche Welten per se, sondern nur vergleichsweise natürliche bzw. künstliche Welten. Künstlichkeit und Natürlichkeit bilden - wie andere Reflexionsbegriffe auch - jeweils ein Paar.

3. Pflicht zur Doppelreflexion

Dann gilt es, diese Bestimmungen aber auch gekoppelt zu behandeln. Die Logik der Ausdrücke `künstlich' und `natürlich' verlangt, daß man, von der einen Seite sprechend, immer auch die andere mitbedenkt. (17) Das scheint mir - und darauf will ich mit diesen Hinweisen hinaus - gerade hinsichtlich der aktuellen Rede von künstlichen medialen Welten wichtig zu sein. Man kann von diesen künstlichen Welten zureichend nur sprechen, wenn man zugleich einen Blick auf diejenigen Welten wirft, von denen sie sich absetzen - und die sich allein schon infolge des Hinzutretens der künstlichen Welten begrifflich wie sachlich verändert haben. Ich werde nachher ausführlich auf solch rekursive Effekte eingehen, werde beispielsweise fragen, wie sich die Koordinaten der alltäglichen Wahrnehmung unter dem Einfluß der Medien wandeln oder wie virtuelle und reale Realität einander beeinflussen.

Indem ich diese Pflicht zur Doppelreflexion betone, distanziere ich mich von einseitigen Beschreibungen der Verhältnisse, etwa vom simplen Plädoyer für den restlosen Übergang zu virtuellen elektronischen Welten. Wer solches fordert, verkennt meines Erachtens die Doppelgleisigkeit der Entwicklung und die Imprägnierung des einen Strangs durch den anderen. Die Faszination der künstlichen Welten ist immer auch eine Anti-Faszination gegenüber der banal-gewohnten Wirklichkeit, und das Glück der neuen Welten ist ein Glück der Übererfüllung, Überhöhung oder Ablösung traditioneller Wünsche. Umgekehrt erfahren zahlreiche Momente der gewohnten Wirklichkeit im Kontrast mit den elektronischen Welten eine Veränderung und Neubewertung. Die alten Erfahrungs- und Wahrnehmungsformen sterben ja nicht einfach aus, wie manche Elektronik-Freaks dies propagieren oder wünschen. (18) Die Gutenberg-Galaxis verpufft nicht, aber sie verändert ihren Sinn. Bücherleser sind im elektronischen Zeitalter nicht einfach Fossilien, wie die Propagandisten einer neuen Monokultur der Künstlichen Welten uns - paradoxerweise in Büchern - glauben machen wollen. (19)

Nur in einer doppelten, in einer dialektischen Betrachtung der neuen und der alten Welten - so meine These - sind die gegenwärtigen Verhältnisse angemessen zu erfassen. Gewiß muß, wer die heutige Zeit auf den Begriff bringen will (und als Philosoph hat man immer Hegels Diktum im Ohr, es sei "die Aufgabe der Philosophie", "das was ist zu begreifen", die eigene Zeit "in Gedanken" zu erfassen ), (20) gewiß muß, wer solches vorhat, heute in erster Linie die Medienbestimmtheit dieser Welt begreifen. Aber wo eine solche Reflexion allein dadurch schon zu gelingen glaubt, daß sie sich den neuen Verfahrensweisen der Medien bloß angleicht und nur noch unzusammenhängende Gedankenfetzen in der Art von Videoclips aneinanderreiht, da liquidiert sie sich selbst. Manche Theoretiker der neuen Medien allerdings scheinen in ihrem Schreiben und Reden tatsächlich ins Delirium gelangen und Bewußtlosigkeit erzeugen zu wollen (damit dann ihre These, rationale Reflexion sei im Zeitalter der elektronischen Medien prinzipiell veraltet, wenigstens an ihrem eigenen Tun einen Beweis habe). (21) Ich schlage einen anderen Weg ein. Ich halte - eher reflexionswertkonservativ - am Bemühen um rationale Klärung und Einsicht fest. Das scheint mir gerade angesichts ekstatischer Auflösungstendenzen des Diskursiven nicht überholt, sondern geboten zu sein.
 

II. Zur Phänomenologie der elektronisch-medialen Welten

In einem II. Teil will ich nun versuchen, einige Charakteristika der medialen Welten zu benennen. Ich gehe dabei phänomenologisch vor - allerdings nicht transzendentalphänomenologisch wie Husserl, sondern eher wahrnehmungsphänomenologisch wie Merleau-Ponty und einige andere, die von der Phänomenologie aus zu einem ästhetischen Denken gelangt sind. - Worin liegt das Neuartige und Andersartige, das Faszinierende der elektronischen Welten?

1. Television - eine ungewohnte Physik

Gehen wir von dem uns allen bekannten Medium Fernsehen aus. Zu den verblüffendsten Erfahrungen zählt es, wenn - etwa im Vorspann einer Sendung - aus der Tiefe des Bildraumes ein Streifen auf uns zufährt, sich dann zu einem dreidimensionalen Körper verändert, der anschließend wie von Geisterhand gehoben, gedreht, gekippt und in ein zweidimensionales Gebilde verwandelt wird. Vielleicht sind wir inzwischen an solche Vorgänge allzusehr gewöhnt. Anfänglich waren sie aber absolut faszinierend. Dergleichen gibt es in der Realwelt nicht. Oder genauer gesagt: Solche Streifen, Körper und Flächen kennen wir zwar auch aus der Realwelt. Aber dort unterliegen sie anderen Gesetzen als im Raum der elektronischen Medien. Die Körperphysik läßt solch schwerelose Bewegungen und zauberhafte Transformationen nicht zu. In der Realität kann Dreidimensionales nur scheinbar, nicht wirklich zu Zwei- oder Eindimensionalem werden. Eher ist das schon in der mathematischen Konstruktion möglich. Ihr steht die elektronische Bildwelt näher als der Alltagswelt.

Auf der anderen Seite löst die mediale Physik mit solchen Verfahren alte ästhetische Wünsche ein. Der Surrealismus beispielsweise hatte von solchen Transformationen geträumt, hatte sie aber nur ansatzweise und vergleichsweise unbeholfen zu realisieren vermocht. Die elektronischen Bildmanipulationen hingegen vollführen sie voll Eleganz und Selbstverständlichkeit. Wie wundervoll hätte beispielsweise Yves Tanguy mit dem heutigen elektronischen Equipment seinen Visionen Gestalt verleihen können!

Will man die phänomenalen Besonderheiten der elektronischen Welten benennen, so ist in erster Linie von Leichtigkeit, von freier Beweglichkeit, vom freien Spiel mit Dimensionen und Gebilden zu sprechen. Die Bewegungen im synthetischen Bildraum ähneln denen im schwerelosen Zustand. Die Körper haben ihre Trägheit, Widerständigkeit und Massivität verloren. Sie sind leicht geworden; sie schweben und vollführen bizarre und bezaubernde Bewegungen. Der elektronische Bildraum hat insgesamt etwas von der Schwerelosigkeit eines Raumschiffs. Freie Mutationen treten an die Stelle von Konstanz, und die Inhalte sind beliebig modellierbar. Zudem behalten die Erscheinungen auch dann, wenn sie sich auf Wirkliches beziehen, allenthalben das Flair des Bildhaft-Virtuellen. Sie suggerieren zwar Realität, aber diese Suggestion ist durchweg mit einem Index von Freiheit verbunden - alles könnte auch anders sein oder werden. Wenn es irgendwo eine "Leichtigkeit des Seins" gibt, dann im elektronischen Raum.
 

2. Die digitale Ontologie der PC-Welt

a. Hypergeschwindigkeit

Gehen wir zu einem anderen Gerät, zum Leitfossil unserer Epoche über, zum PC. Faszinierend ist hier in erster Linie die Geschwindigkeit, mit der selbst größte Datenmengen bearbeitet werden können. In wenigen Minuten lassen sich beispielsweise die Werke sämtlicher philosophischer Klassiker des Abendlandes auf einen bestimmten Begriff hin absuchen, und man bekommt die Belegstellen vollständig angezeigt. Mit der alten Kulturtechnik des Lesens hätte man dafür Jahre gebraucht, und die Fehlerquote wäre hoch gewesen.

Ähnlich verblüffend ist die Augenblicklichkeit des Erscheinens. Mit einem Mal ist die gesamte Datenmenge da, und mit einem Mal ist sie weg. Die Welt der elektronischen Medien ist eine Welt der Instantaneität. Nicht nur das Rechenwerk operiert binär, auch die Ontologie ist binär. Die Zeichen werden nicht langsam gebildet, sondern sind instantan vorhanden. Und ebenso instantan verschwunden.

Die Restlosigkeit dieses Verschwindens ist so ungewöhnlich wie nur irgendetwas. Von unsereinem bleibt wenigstens ein Leichnam, von der Zigarette die Asche und vom Benzin der Gestank. Hier aber ist alles völlig clean, klinisch clean. Die Erscheinung war schon die ganze Substanz, es gibt nichts dahinter und danach. Es gibt nur den Gegensatz von Sein und Nichtsein. Aber selbst dieser ist nur ein momentaner. Ein Tastendruck - und was soeben vernichtet wurde, ist sofort und alterslos wieder da. Auch nach Jahren. Es gibt hier kein Altern, sondern alles behält die Frische des ersten Tages, des Originals. Die ganze Welt ist eine von messerscharfer Präzision und extremer Leichtigkeit zugleich. - Gewiß eine faszinierende Welt.

b. Jenseits der Alltagsontologie

Betrachten wir des weiteren die Existenzform der Dokumente. Es gibt die Dokumente doppelt: analog auf dem Bildschirm und digital im Speichermedium. Die meisten PC-Benutzer sind nur mit der analogen Existenzform vertraut. Sie bewegen sich in der Benutzeroberfläche. Die Software hingegen ist ihnen ein Buch mit sieben Siegeln, eine Black Box. Programmiersprachen beherrschen die wenigsten von uns. Die meisten sind digitale Analphabeten. Auch ich gehöre zu dieser Gruppe.

Die genannte Doppelung von bekannter Erscheinungsform und verborgener Struktur scheint den Verhältnissen in der Realwelt analog zu sein. Wir kennen und schätzen beispielsweise Blumen. Aber die wenigsten von uns wissen, wie diese in ihrer physikalischen, chemischen und biologischen Struktur beschaffen sind. Das Innenleben der Phänome ist für uns auch im Alltag - nicht nur in der elektronischen Welt - eine Black Box. Gleichwohl besteht zwischen den beiden Welten ein gravierender Unterschied. Verläßt man ein Dokument (also einen Gegenstand der elektronischen Welt), so bleibt es nicht in analoger, sondern in digitaler Form im Speichermedium erhalten. Wendet man sich jedoch von Gegenständen der Alltagswelt ab, so bleiben diese in phänomenaler Form erhalten. Hier ist die phänomenale Form die bleibende Form der Erscheinungen. Im Datenbereich hingegen ist die analoge Seinsweise nur ein vorübergehender Zustand. Die wahre Existenz ist im einen Falle analog, im anderen digital.

Aber was heißt hier `wahre Existenz'? Läßt sich die Unterscheidung von Erscheinung und Wesen im elektronischen Bereich überhaupt aufrechterhalten? Für die Alltagswelt ist diese Differenz ganz und gar bedeutsam. Die klassische Ontologie - die Lehre vom Sein und den Erscheinungen - war eine unentwegte Thematisierung dieses Verhältnisses.

In der elektronischen Welt hingegen ist der Unterschied von Erscheinung und Wesen außer Kraft gesetzt. Monitorexistenz und Speicherexistenz sind völlig deckungsgleich. Die Erscheinung ist eine perfekte Repräsentation des `Wesens'. Ihr fehlt nichts. Das `Wesen' enthält nicht mehr und nichts anderes als die Erscheinung. Der ganze Sachgehalt ist identisch, nur die Präsentationsform ist verschieden - mal analog, mal digital.

Ja mehr noch: das Wesen unterliegt sogar den Operationen im Bereich der Erscheinung. Denn ändert man ein Dokument, so ändert man - strikt im Verhältnis 1 : 1 - auch sein `Wesen'. Das Wesen ist eine Kopie der Erscheinung. In der Alltagswelt verhält es sich umgekehrt: die Erscheinung ist eine - meist schlechte - Kopie des Wesens.

Daß in der elektronischen Welt keine Sachdifferenz zwischen Erscheinung und Wesen besteht, entzieht jeder Anwendung der herkömmlichen Ontologie auf die elektronischen Medien den Boden. Die klassische Ontologie hatte namens der Differenz von Wesen und Erscheinung immer Kritik an den Erscheinungen geübt. Das Wesen sollte das Musterbild, die Erscheinung nur dessen unvollkommene Realisation sein. Gewiß: Die klassische Ontologie hatte auch von einem Identischwerden von Erscheinung und Wesen geträumt, und in ihrer Endphase - bei Hegel - glaubte sie das Eintreten dieser Identität vor sich zu sehen. In der elektronischen Welt aber besteht eine solche Identität von vornherein - ohne daß je eine Differenz vorgelegen hätte und ein Ungenügen der Erscheinungen als Stachel oder Antrieb in Richtung Identität hätte wirksam werden können. Erscheinung und Wesen sind in jedem Moment identisch. (Woraus übrigens folgt, daß der digitale Analphabet, der bloß analoge PC-Benutzer, auch im Recht ist; ihm fehlt tatsächlich nichts.)

c. Unabsehbare Weitläufigkeit

Ist die elektronische Welt, weil ihr die vertikale Differenz von Sein und Erscheinung fehlt,  nun etwa ärmer als die Alltagswelt? Im Gegenteil: In horizontaler Richtung besitzt sie eine der Alltagswelt unbekannte Offenheit für Veränderungen, Mutationen, Innovationen. Die Datenverbände können von einem Moment zum nächsten wuchern, sich fortzeugen, können kombiniert und hybridisiert werden. Man kann das einzelne Dokument verändern, kann seine Darstellungsweise modifizieren, kann es mit anderen Dokumenten kreuzen, kann es vernetzen, ja man kann Dokumente selbsttätig miteinander kommunizieren und neue Dokumente erzeugen lassen.

Die elektronische Welt ist zwar eine völlig flache, aber eine unendlich weite Welt. (22) Ihr gehört eine unabsehbare Vielzahl von lateralen Anschlüssen und Ausbreitungen zu - vom Wuchern des Gleichen bis hin zu komplexen Vernetzungen. Der Entfaltungsraum des Digitalen ist unerschöpflich.

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Ich habe die Eigentümlichkeiten der elektronischen Welt insbesondere in Gegenzeichnung zur Alltagswelt charakterisiert und fasse zusammen: Die elektronische Welt ist durch Leichtigkeit, Schwerelosigkeit und Hypergeschwindigkeit charakterisiert. In ihr dominiert statt Hierarchie Lateralität, statt Präsenz Transformation, statt Tiefe Oberfläche, statt Festigkeit Leichtigkeit, statt Stabilität Veränderlichkeit, und statt Wirklichkeit Möglichkeit.

Diese vorerst nur rudimentär und im Blick auf Television und PC skizzierte Ontologie oder Phänomenologie der elektronischen Medien setzt sich mit neuen technologischen Verfahren - mit Hologrammen, Multimedia und Cyberspace - potenziert fort. Beispielsweise wird die Skala der beteiligten Sinne komplettiert. Neben das Visuelle tritt das Auditive und Taktile, und die Experten des Metiers versichern uns, daß auch bezüglich des Geruchs und des Geschmacks nur vorläufig-faktische, aber keine prinzipiellen Grenzen bestehen. (23) - Ich will es für die gegenwärtigen Zwecke vorerst bei den genannten Punkten belassen. Weitere Aspekte werde ich im nächsten Teil nachtragen, in dem ich nun auf die andere Seite blicken und Rückwirkungen der medialen Welten auf Erfahrungsformen in der nicht-medialen Welt darstellen will.
 

III. Rückwirkungen der elektronischen Welten auf die Alltagswelt

Wie verändert der Einfluß der elektronischen Welten unser alltägliches Wirklichkeitsverständnis und unsere tägliche Welterfahrung?

Manche sagen, durch das Hinzutreten der Künstlichen Welten werde unsere Erfahrung ganz einfach weiter und reicher. Wer so spricht, übersieht jedoch, daß der Hinzutritt von Neuem das Alte immer auch verändert. Beispielsweise ist mit der Erweiterung von Möglichkeiten stets eine Entwertung der einzelnen Möglichkeit verbunden: es kommt jetzt nicht mehr so sehr auf diese eine Möglichkeit an, denn man kann ausweichen, kann sich anderen Möglichkeiten zuwenden; das bloße Akkumulationstheorem rechnet zu einfach. Zudem werden die früheren Möglichkeiten qualitativ verändert; ihr Zuschnitt und ihr Stellenwert erfahren Modifikationen.

Die Veränderungen sind hauptsächlich zweifacher Art. Erstens kommt es zu einer Virtualisierung bzw. Derealisierung des Wirklichen bzw. unseres Verständnisses von Wirklichkeit. Und zweitens kommt es zu einer Revalidierung nicht-elektronischer Wirklichkeitserfahrungen, und zwar insbesondere von solchen Momenten, die nur diesen Wirklichkeiten - im Unterschied zu den elektronischen - eigentümlich sind und die daher fortan als das Spezifische dieser nicht-elektronischen Wirklichkeiten erscheinen und mit besonderem Wert belegt werden.

1. Virtualisierung

Zunächst zu den Virtualisierungseffekten: In den Medien gilt, wie gesagt, eine andere Physik und eine andere Logik der Erscheinungen und Abläufe als im Alltag. Das beginnt am Fernsehschirm mit dem zuvor genannten Beispiel der Rotationsobjekte und nimmt über Videos und Cyberspace vollends ungewohnte Dimensionen an. Fortan gehören unterschiedliche Versionen von Wirklichkeit zu unserem täglichen Erfahrungsbereich. Die Existenz solcher Alternativen legt zumindest eines nahe: daß die Ausschließlichkeit und Massivität des gewohnten Wirklichkeitsverständnisses ungerechtfertigt sein könnte, daß auch alternative Weltkonstruktionen möglich sind. Damit beginnt unsere Wirklichkeitsauffassung, sich auf eine mögliche Vielzahl von Welten hin zu öffnen. Selbst wenn man dies zunächst nur in der Weise verstehen will, daß es neben der einen, der eigentlich wirklichen Welt auch andere, künstliche Weltkonstruktionen gibt, verliert die gewohnte Realerfahrung dabei zumindest schon einmal ihren Ausschließlichkeitsanspruch - wenn auch noch nicht ihre Priorität.

a. Durchdringungen von Medienrealität und Alltagsrealität

Komplizierter werden die Verhältnisse allerdings dadurch, daß die Alltagsrealität innerhalb der Medienrealität auftaucht, was zu Rückwirkungen auf die Alltagswirklichkeit führt. Von da an wird eine saubere Trennung zwischen Alltagsrealität und Medienrealität nicht mehr durchführbar sein. Ich will einige Schritte der Durchdringung nennen.

Erstens wird die Alltagswirklichkeit, wenn sie in den Medien erscheint, offenbar nach deren Gesetzen modelliert. Sie wird beispielsweise den Forderungen des schnellen Schnitts, der Bildhaftigkeit, der rhythmischen Sequenzierung unterworfen. Dadurch ergeben sich zumindest in den Fällen, wo wir Wirklichkeiten nur durch ihre mediale Präsentation kennen, Verschleifungen zwischen der medialen und der alltäglichen Realitätslogik. Und diese Fälle sind zahlreich; das meiste, was wir über die Welt wissen, wissen wir aus dem Fernsehen, wie Niklas Luhmann bemerkt hat. Durch solche Prozesse schreibt sich die mediale Logik zunehmend auch der Alltagswirklichkeit ein - und zwar gerade jenen herausgehobenen Wirklichkeitsanteilen, die der Fernsehübertragung für würdig befunden werden. (24)

Ein zweiter Punkt: Da Persönlichkeitsbildung in der modernen Welt vorwiegend anhand von Leitbildern der Massenmedien erfolgt, begegnen wir im Alltag zunehmend medientypisch gestylten Figuren. Mediale Eigentümlichkeiten werden somit auch außerhalb der Medien zu Realbeständen der Wirklichkeit. Nicht nur die mediale Präsentation von Wirklichkeit, sondern die extra-mediale Wirklichkeit selbst ist fortan von medialen Determinanten durchzogen.

Drittens führt die Telekommunikation zu einem generellen Angriff auf Grundkoordinaten unserer gewohnten Wirklichkeit. Raum und Zeit, die Grunddimensionen, welche die alltägliche Wirklichkeit aufspannen, werden telekommunikativ zunehmend eingezogen. Wo die Lichtgeschwindigkeit herrscht, verlieren die räumlichen Distanzen an Bedeutung. Die Besonderheit der Orte schwindet, denn medienelektronisches Equipment überspielt alle lokalen Eigentümlichkeiten: man kann von allen Orten aus die gleichen Kommunikationen tätigen. Ebenso werden die Vergangenheit durch ihre datenmäßige Aufbereitung und die Zukunft durch ihre rechnerische Extrapolation zunehmend verfügbar und tendenziell zu Bestandteilen der telematischen Gegenwart. (25) Es kommt zu universeller Gleichzeitigkeit und im ganzen zu einem Kollaps der raum-zeitlichen Differenzierung; es bildet sich eine Gesamtstruktur der Omnipräsenz ohne ausgezeichnete Präsenz. Insofern hat die elektronische Kommunikationswelt die reale Welt in ihren Grundkoordinaten verändert.

Hält man sich diesen Kollaps der raum-zeitlichen Differenzierung in der telematischen Kommunikationswelt vor Augen, so ergibt sich noch einmal, daß in unserer Wirklichkeit mehrere Wirklichkeitsversionen koexistieren. Raum und Zeit haben nicht mehr allenthalben, sondern nur noch in bestimmten Bereichen einschneidend trennende Funktion, in anderen Bereichen hingegen ist ihre Relevanz telematisch neutralisiert. Solche Kontraste von Wirklichkeitsversionen werden heute zur alltäglichen Erfahrung. Oder anders gesagt: Infolge der medien-induzierten Veränderungen der Wirklichkeit wird, was ich im I. Teil unter Bezugnahme auf philosophische Entwicklungen dargestellt hatte, immer mehr zur normalen Erfahrung der Zeitgenossen: daß es Wirklichkeit schlechthin gar nicht gibt, daß es sie vielmehr immer nur so oder anders gibt, daß Wirklichkeit jeweils eine Konstruktion, ein Kunstprodukt ist.

Auf besonders eindringliche Weise wirken daran auch der Fernsehkonsum sowie die heutige Verwendung mikroelektronischer Entwurfs- und Produktionstechniken mit. Die televisionäre Wirklichkeit ist offensichtlich nicht verbindlich und unentrinnbar, sondern wählbar, wechselbar, verfügbar, fliehbar. Paßt einem etwas nicht, so schaltet man weiter. Im Zapping und Switchen zwischen den Kanälen übt der fortgeschrittene Fernseh-konsument die Derealisierung des Realen ein, die auch sonst gilt. Und wer häufig mit CAD arbeitet, für den ist die weitgehende Modellierbarkeit und Virtualität von Wirklichkeit schlicht zur Arbeitsbedingung geworden.

b. Grenzverwischung zwischen Realität und Simulation?

Aber wie weit geht die Verschleifung von Realität und Virtualität? Manche Theoretiker meinen: gar nicht weit. Realität und Simulation blieben vielmehr klar unterscheidbar. Beispielsweise habe noch nie jemand den Ehekrach in einer laufenden Familienserie mit der Ungemütlichkeit am eigenen Frühstückstisch verwechselt. (26) Das ist wohl wahr, greift aber als Diagnose zu kurz. Denn gewiß gelingt uns die Kurzzeitunterscheidung zwischen Simulation und Realität weiterhin, aber worauf es ankommt, sind die längerfristigen Effekte des Medienumgangs. Untersuchungen zeigen, daß Verhaltensweisen, die in der elektronischen Leitwelt eingeübt werden, zunehmend das Alltagsverhalten imprägnieren. (27) Die Virtualisierung der Wirklichkeit ist ein Langzeiteffekt der Medienwelten.

Lassen Sie mich dies an einem Beispiel erläutern: In den USA wird unter der Bezeichnung `Video-Baby' ein 8-Minuten-Band mit interaktiven Komponenten vertrieben. Geburtszertifikat und Gesundheitsattest sind der Packung beigefügt, und der Benutzer hat sein Wunschbaby vor sich auf dem Bildschirm und kann sich ungestört an ihm erfreuen. Es reagiert auf Sätze wie "Iß den Brei", "Lächle Mammi an", und natürlich ist die Folgsamkeit dieses Kindes perfekt. Am Ende der acht Minuten läßt es sich auch noch in den Schlaf singen. (28) Auf der Verpackung steht: "Die volle, reiche Erfahrung der Elternschaft ohne das Durcheinander und die Lästigkeit der wirklichen Dinge! Lieben Sie Kinder, haben aber keine Zeit, sich um sie zu kümmern? 'Video-Baby' ist für Sie!"

Natürlich weiß der Benutzer um den Unterschied zwischen Simulation und Realität. Aber der springende Punkt ist: Dieser Unterschied bedeutet immer weniger. Die Simulation wird ohne weiteres als Substitut der Realität ergriffen, ja als die vollkommenere Version des Realen geschätzt - eben weil sie "die volle [...] Erfahrung der Elternschaft ohne [...] die Lästigkeit der wirklichen Dinge" bietet. Die Simulationserfahrung wird sogar immer mehr zur Matrix des Realverhaltens gemacht: Babys werden zunehmend wie Video-Babys perzipiert, und ihre Abweichungen vom elektronischen Idealbild gelten nicht etwa als Zeichen von Menschlichkeit, sondern als lästige Unvollkommenheiten. Originale sind unter medialen Bedingungen - hier wie auch sonst, etwa in der Kunst - nur noch enttäuschend. Das Reale wird der medialen Idealvorstellung immer mehr angeglichen. (29)

Man mag solche Entwicklungen scheußlich finden - hochproblematisch sind sie gewiß. Aber nicht, indem man die Verschmelzung von Realität und Simulation leugnet, sondern indem man sich diesen status quo bewußt macht und innerhalb seiner Position zu beziehen lernt, wird man zu anderen und möglicherweise humaneren Optionen gelangen. Ich werde darauf zurückkommen. - Zuvor ein letzter Hinweis zur heutigen Fusion von Virtualität und Realität.

c. Cyberspace

Derzeit hat die Durchdringung von Virtualität und Realität ihren Fokus in der Cyberspace-Technologie. Gewiß handelt es sich dabei um ein Modethema sowie um einen Kristallisationspunkt rhetorischer Übertreibungen und einen aufgedrehten Hit für PR-Strategien. Gleichwohl haben diese Technologie und ihre Resonanz auch einen harten und nachdenkenswerten Kern. Davon will ich sprechen. Cyberspace führt in die elektronischen Welten ein Moment ein, das in der Tat völlig neu ist: Im Cyberspace steht man dem Bild nicht mehr distanziert gegenüber, sondern man tritt in es ein und kann sich mittels Eyephones und Dataglove in der virtuellen Welt des Bildes wie in einer realen bewegen. Aus dem Vor-der-Bildwelt-sein - diesem sehr konventionellen Zug der in anderen Hinsichten so avancierten elektronischen Welten - wird ein In-der-Bildwelt-sein. Die Präsenz gegenüber dem Bild wandelt sich zur Präsenz im Bild - zur Telepräsenz, wie man sagt. Interessant ist dabei weniger die in Wahrheit ziemlich beschränkte Perfektionierbarkeit dieser Cyberwelten (man kann nämlich auch hier nur im Programm vorgesehene und nicht etwa beliebig abweichende Verhaltensweisen realisieren), (30) sondern wichtig ist der Bewußtseinseffekt, den solche Cyberexperimente hervorrufen. Indem man in die virtuelle Welt wie in eine reale eintritt, macht man konkret die Erfahrung, daß das Virtuelle auch real sein kann, und daraus erwächst die Vermutung, daß vielleicht alles Reale in anderer Hinsicht auch virtuell sein könnte. Die Weltsicht eines Leibniz oder Borges, wonach das, was dem einen Bewußtseinzustand als real gilt, in Wahrheit das Traumgebilde eines anderen Bewußtseinszustandes sein könnte, (31) wird zur generellen Wirklichkeitsvermutung. Die Grenzen zwischen Realität und Virtualität werden definitiv unsicher und durchlässig.

d. Aufklärerische Wirkungen der Medienerfahrung

Daß die elektronischen Medien auf die beschriebenen Weisen zu einer Virtualisierung unseres Realitätsbewußtseins führen, ist oft festgestellt und beklagt worden. Ich halte diese Diagnose für richtig, ihre Negativbewertung aber für falsch. Meines Erachtens liegt in der medien-induzierten Veränderung unseres gewohnten Wirklichkeitsverständnisses geradezu ein aufklärerischer Effekt der medialen und künstlichen Welten. Angesichts der neuen Medien kommt uns der grundsätzlich konstruktivistische Charakter von Wirklichkeit, die Interpretativität all unserer Wirklichkeitsauffassungen deutlicher zu Bewußtsein denn je zuvor. (32) Infolgedessen geht unsere Wirklichkeitssicht heute auch alltäglich von Realismus zu Konstruktivismus, von Vorgegebenheit zu Gemachtsein, von der Einzahl zur Mehrzahl und von Realität zu Virtualität über. Dank des Umgangs mit den medialen Wirklichkeiten begreifen wir, daß Wirklichkeit immer schon eine Konstruktion war - daß man sich dies früher nur nicht eingestehen mochte. (33)

2. Revalidierungen

Dies alles könnte nach einer Apologie der elektronischen Welten und ihrer Künstlichen Paradiese klingen - aber zuletzt will ich auf etwas anderes hinaus, will einen Gegenakzent setzen.

a. Kontrasterfahrungen

Wenn alle Wirklichkeiten Konstruktionen - individuelle, gesellschaftliche, mediale Konstruktionen - sind, dann ist die Wahl zwischen ihnen nicht eine zwischen Sein und Schein oder zwischen wahr und falsch, sondern eine Wahl zwischen potentiell gleichberechtigten Versionen gemäß unterschiedlichen Präferenzen. Und dann sind wir erstens für unsere Wahlen verantwortlich. Und zweitens kann es geschehen, daß eine Wirklichkeitsversion zur Neubewertung einer anderen führt. Sie kann deren Vorzüge im Kontrast spürbar machen und diese andere Version dadurch zu einem Desiderat werden lassen.

Das gilt gerade im Verhältnis elektronischer und nicht-elektronischer Welten. Die elektronischen Welten revalidieren Erfahrungsformen der nicht-elektronischen Welten - die sie freilich, dem Gesetz des Kontrastes entsprechend, auch verändert haben.

Gerade wenn Marshall McLuhans These, daß das Medium die Botschaft ist, zutrifft (und ich zweifle nicht, daß dies der Fall ist), dann müssen den elektronischen Medien aus systematischen Gründen die eigentümlichen Erfahrungsformen der anderen Medien fehlen. Zwar können die elektronischen Medien auf alle Gegenstände zugreifen, aber - wie jedes andere Medium auch - nur nach ihrer eigenen Art. (34) Indem nun die gleichen Gegenstände mal im einen, mal im anderen Medium zugänglich werden, wird die Spezifität und Begrenztheit des jeweiligen Mediums erfahrbar. Anders gesagt: Auch die elektronischen Medien sind spezifisch. Sie bieten gewiß wundervolle Möglichkeiten. Aber nicht alle Möglichkeiten. Und nicht nur die medialen Möglichkeiten werden heute interessant, sondern im Kontrast dazu auch manche der Qualitäten, die ihnen fehlen und die exklusiv anderen Wirklichkeitsformen vorbehalten sind.

b. Gegenoptionen

So lernen wir gegenüber der elektronischen Hypergeschwindigkeit die Trägheit neu zu schätzen, gegenüber der universellen Beweglichkeit und Veränderbarkeit die Widerständigkeit und Unveränderlichkeit, gegenüber dem freien Spiel das Beharren, gegenüber dem Schweben die Massivität, gegenüber der Mutierbarkeit die Konstanz und Verläßlichkeit. Die Tastendruck-Instantaneität wertet im Kontrast die langsame, eigengesetzliche Entwicklung auf, die beliebige Wiederholbarkeit die Einmaligkeit. Die elektronische Omnipräsenz und das Universum der virtuellen Möglichkeiten wecken die Sehnsucht nach einer anderen Präsenz, nach der unwiederholbaren Präsenz des hic et nunc, nach dem singulären Ereignis. Gegenüber der vollendeten Transparenz gewinnt die Opakheit, gegenüber der elektronischen Lichtwelt das Unerhellbare, gegenüber der Intellektualität der Prozessoren die souveräne Ignoranz der Materie neu an Bedeutung.

Man kann die genannten Gegenwerte auf Stichworte wie Materie, Körper, Individualität, Einmaligkeit zusammenziehen. Was Eigenraum und Eigenzeit beansprucht, was nicht substituierbar oder austauschbar ist, was unwiederholbar ist, wird uns neu wichtig. So wies Botho Strauß darauf hin, daß inmitten der überdrehten Kommunikation der Dichter zuständig ist "für das Unvermittelte, den Einschlag, den unterbrochenen Kontakt, die Dunkelphase, die Pause. Die Fremdheit". (35) Ähnlich schafft in Bertoluccis Letztem Tango in Paris die Situation der Namenlosigkeit - im Gegensatz zum grassierenden Beziehungsgeschwätz - den Ort einer einmaligen Liebe.

Wir haben gute Gründe, Stille gegen Betäubung zu verteidigen; die eigene, für andere unverfügbare Imagination höher zu schätzen als das sozial gemeinsame elektronische Imaginäre; oder unsere verletzliche - sei es kraftvolle, sei es alternde - Eigenkörperlichkeit gegenüber der Perfektion und Alterslosigkeit der synthetischen Körper neu zu würdigen. (36)

c. Telematische versus leibliche Welt

Telematische und leibliche Welt stehen im Kontrast. Ihre Disparität ist unaufhebbar. Wenn heute telematisch die Entfernungen schwinden, so schrumpfen darob doch nicht auch unsere Körper. Wenn die Prozessoren immer schneller werden, so doch nicht auch unsere Sensoren und unsere motorischen und psychischen Potenzen. Wenn die Verarbeitungskapazität der Rechner ins Gigantische wächst, so doch nicht auch unsere Lebenszeit, unsere Reaktionszeit, unsere Begreifenszeit.

Der Leib ist ein konservatives Element, und er bleibt eine Bedingung all unserer Vollzüge. Von philosophischer Seite ist die Bedeutung der Leiblichkeit als eines Gegengewichts gegen die elektronischen Immaterialisierungstendenzen in den letzten Jahren mehrfach dargelegt worden. Lyotard hat die Frage gestellt, ob man ohne Körper denken könne - und hat dies verneint. (37) Dreyfus hat von phänomenologischer Seite darauf hingewiesen, daß es kein Verstehen ohne Rückbindung an Körperlichkeit und Alltagserfahrung gibt. (38) Ähnlich haben Virilio und Baudrillard von anthropologischen Prämissen aus unsere physischen Körper gegen das Projekt ihrer meta-physischen, technologischen Umrüstung verteidigt. (39),(40)

Körperlichkeit, Individualität, Materialität sind aber nicht bloß als Bedingungen oder Grenzen unseres Denkens und unserer Wirklichkeitserfahrung ins Feld zu führen; sie sind nicht nur defensorisch geltend zu machen - und auch nicht einfach offensiv. All das sind noch Formen einer Funktionalisierung. Sondern diese Momente wären in ihrer Selbstheit anzuerkennen und zur Geltung zu bringen.

Natürlich sind unsere Körper auch auf Veränderungen aus und für Erweiterungen offen. Das klassische citius-altius-fortius war die sportliche Formel dafür. Heute steigern wir unsere Körper im Verbund mit technischen Arrangements und elektronischen Medien. Und die Körper sagen dazu nicht nein. Die zuvor geschilderte Faszination der elektronischen Medien ist nicht nur eine des Geistes oder der Imagination, sondern auch eine unserer sehnsüchtigen und unbefriedigten Körper.

Aber es gibt auch eine mediale Untangierbarkeit, eine Souveränität und Eigensinnigkeit der Körper. Sie entdecken wir gegenwärtig im Gegenzug zur Mediatisierung der Welt neu. Man denke etwa an Nadolnys "Entdeckung der Langsamkeit" (41) oder an Handkes Lob der Müdigkeit. (42) Inmitten der Turbulenzen einer elektronisch sich potenzierenden Welt wird uns die Einmaligkeit einer unwiederholbaren Stunde oder Begegnung neu wichtig - oder die Trägheit und das Glück einer ruhenden Hand oder eines Augenpaares. Wir erinnern uns der selbstgenügsamen Vollkommenheit und Autonomie einfacher Vollzüge - eines Spaziergangs, eines Essens, des Blicks in die Landschaft, oder auch der Einsamkeit, der medienlosen Einsamkeit fern aller Kommunikationsmaschinerien.

Gewiß: Die Wiederentdeckung und Neubewertung solcher Vollzüge erfolgt vor dem Hintergrund einer medial bestimmten Welt und ihrer Turbulenzen. Sie ist davon nicht zu trennen. Am Horizont der genannten Erfahrungen brodelt die Medienwelt. Aber die genannten Erfahrungen halten die Medienwelt doch auch ab und sind in ihrem Inneren und ihrer Intensität von ihr unbetroffen. Hyperreflektierte Philosophen mögen immer einwenden, daß solche Erfahrungen von der Medienwelt gebeizt seien - aber es gibt doch Momente, wo man es ihnen nicht anmerkt. Ähnlich vielleicht, wie es auch Glück zwar nur auf dem Boden der Vergänglichkeit gibt - wie deswegen aber doch das Vergehen nicht die Essenz, sondern allenfalls das Schicksal des Glücks ist.

d. Komplementarität

Um nicht mißverstanden zu werden: Natürlich meine ich die Revalidierung des Körperlichen und Individuellen nicht als simples Gegenprogramm gegen die künstlichen Paradiese der elektronischen Welten, sondern als Komplementärprogramm zu ihnen. Als heutiger Mensch sollte man sich auch in den elektronischen Welten lustvoll bewegen können - aber eben nicht nur in ihnen. Doppelgleisig fahrend, wird unser Leben gegenwärtiger und spannungsreicher.

Nur besteht Anlaß, diese Doppelgleisigkeit eigens zu betonen, denn die Tendenz geht stets zur zeitgeistigen - und das heißt heute: zur elektronischen - Avanciertheit. Diese Tendenz obsiegt beispielsweise dort, wo man das Eigenrecht unserer Leiblichkeit und ihrer Bedürfnisse zwar anerkennt, ihm dann aber wieder nur mittels apparativer und medialer Prothesen nachkommen mag: von den Fitneßstudios über das Bungee-Jumping bis zum elektronischen Sex. Wir sollten diesem technologischen Druck widerstehen; wir sollten dem Bedürfnis nach den genannten Gegenwerten, wenn es in uns aufkeimt, nicht mißtrauen, sondern in seiner genuinen Form Aufmerksamkeit schenken und Folge leisten.
 

IV. Kunst und elektronische Medien

Von da aus will ich schließlich auf die Frage nach der Stellung der Kunst oder der Künste in der geschilderten Situation eingehen. Wie reagieren die Künste auf die elektronischen Medien, wie verändern sie sich unter deren Einfluß, inwieweit machen sie die zuletzt genannten Gegenwerte zu ihrer Sache?

Grob gesagt - und ich beschränke mich überdies auf die Bildkünste - sind zwei Hauptmöglichkeiten zu unterscheiden: Überläufertum und Beharren. In den Augen der einen wird Kunst fortan entweder Kunst mittels elektronischer Medien oder Pseudokunst nach gestriger Art sein; die anderen hingegen wollen prinzipiell bei den angestammten Medien verbleiben und von ihnen aus auf die neuen Entwicklungen reagieren.

Prinzipiell sind beide Richtungen berechtigt. Und meiner zuvor entwickelten Doppeloption entsprechend - nämlich sowohl in den neuen Künstlichen Welten zu leben wie den Gegenwerten neue Aufmerksamkeit zu schenken - halte ich beide Optionen auch für wichtig. Falsch scheint mir die Auffassung zu sein, nur die eine oder die andere Welt bzw. Option sei gut; richtig hingegen, innerhalb ihrer nach gut und schlecht zu unterscheiden.

1. Vom Kunstwerk zum Medienwerk

a. Neue künstlerische Grammatik

Bei der ersten Option - der Transformation der Kunstwerke in Medienwerke - wiederholt sich ein altes Gesetz. Das Aufkommen neuer Bildmedien hat jedesmal die Sphäre der Kunst einschneidend verändert. Man unternahm es, für die neuen Medien eine genuine Kunstform zu entwickeln. Zugleich hat sich dabei retrospektiv die traditionelle Kunstproduktion verändert. Als beispielsweise die Fotografie aufkam, hat diese zwar zunächst überkommenen Bildvorstellungen nachgeeifert, hat dann aber in der Realistik ihr genuines Prinzip gefunden; und die Malerei reagierte auf diesen Verlust ihrer klassischen Domäne durch den Übergang in die optische Bildauflösung und die Abstraktion. (43)

Analog zu diesem gut hundert Jahre zurückliegenden Vorgang käme es heute darauf an, die genuine Bildgrammatik einer elektronischen Medienkunst zu entwickeln. In der Anfangsphase werden überwiegend alte Bildvorstellungen mit den neuen Mitteln realisiert. Zum einen, weil man noch keine anderen Bildvorstellungen besitzt, zum anderen, weil dies als eine Art Könnensbeweis der neuen Medien gilt. (44) Freilich ist man sich auch dessen bewußt, daß dies nur ein erster Schritt sein kann und eher ein systematisches Mißverständnis als eine Lösung der anstehenden Aufgabe darstellt. Man müßte ja nicht das Alte im Neuen wiederholen, sondern das Neue des Neuen entdecken und entwickeln.

b. Die generative Funktion des Mediums

Dafür dürfte ist es förderlich sein, daß der Künstler zumindest ein Stück weit auch Programmierer ist und sich nicht erst eines digitalen Alphabeten zur Realisierung seiner Bildvorstellungen bedienen muß. In diesem Fall bleibt es nämlich tendenziell dabei, daß der Künstler aus dem bisherigen Bilderhaushalt hervorgegangene Visionen realisiert, statt neue, mediumseigene Bildvorstellungen zu entwickeln - was eben voraussetzen würde, daß er sich den genuinen Fertigkeiten des Mediums zu überlassen, daß er mit ihnen zu experimentieren und sie an der Bildung der Visionen mitarbeiten zu lassen vermöchte. Das Medium muß in generativer Funktion ins Spiel kommen. Die gegenteilige Auffassung - die aus Bequemlichkeitsgründen allzu verbreitet ist - willfährt noch immer der gerade durch die neuen Medien obsolet gewordenen abendländischen Standardauffassung, daß das Medium bloß ein Mittel für Botschaften sei, anstatt es als ursprünglichen Mitproduzenten der Vorstellungen zu begreifen. - Im Ergebnis kommen dann eben auch nur künstlerische Antiquitäten mit neuem Anstrich heraus.

c. Neue Kriterien

Sobald es hingegen gelingt, dem Materialstand gemäß zu arbeiten, also eine Bildgrammatik zu entwickeln, die der Eigenlogik der neuen Medien entspricht, wird es auch zur Beurteilung solcher Werke anderer Kriterien als der herkömmlichen bedürfen. Die Kriterien müssen ihrerseits der neuen Bildgrammatik und medialen Logik entnommen sein. Alles andere liefe nur noch auf Beckmesserei hinaus. In diesem Sinn klagen die KünstlerInnen der neuen Medien oft, daß die Betrachter oder Juroren den neuen Qualitäten ihrer Werke nicht gerecht werden. Tatsächlich gibt es skandalöse Anachronismen. Neulich hörte ich von einem an sich klugen Ästhetiker, man müsse sich um die medialen Kunstwerke gar nicht kümmern, denn sie seien offensichtlich schwach, erreichten das traditionelle Bildniveau nicht, beispielsweise habe er noch kein elektronisches Kunstwerk gesehen, das so etwas wie den klassischen Farbauftrag in mehreren Schichten zu wiederholen vermöge. Das ist blanke Beckmesserei. Man darf froh sein, wenn dieser Theoretiker sich zu den Medienwerken nicht weiter zu äußern gedenkt.

Andererseits darf man das Argument der neuen Kriterien auch nicht überstrapazieren. Es könnte allzu leicht nur als Entschuldigung für tatsächliche Schwächen herhalten.

Ich gestehe, daß ich skeptisch bin, inwieweit - bei Videokunst, Hologrammen oder Cyber-Space - die genuinen medialen Möglichkeiten schon entwickelt sind. Ich glaube, relativ wenig Überzeugendes gesehen zu haben. (45) Aber man sollte sich Zeit lassen - auch in unserer hyperschnellen Zeit.

d. Übergänge zwischen klassischer und digitaler Ästhetik

Im übrigen ist die Annahme, daß zwischen präelektronischer und elektronischer Ästhetik ein vollkommener Bruch bestehe, nicht richtig. Denn offenbar wird durch die elektronischen Kunstformen auch manch ältere ästhetische Erwartung besser, intensiver und überzeugender einlösbar, als sie es mit den alten Mitteln je war. Auf das Beispiel des Surrealismus - auf Tanguy - habe ich schon hingewiesen. Ebenso findet die surrealistische Idee der écriture automatique durch die Interaktivität im elektronischen Network eine geradezu phantastische Erfüllung. Die Autorschaft wird weitestgehend aufgelöst. Zudem vollzieht man den Abschied von der - bei manchen Klassikern der Moderne längst als hemmend und paradox empfundenen - Buchform. Man denke nur daran, wie "der arme Joyce gezwungen war, die parallel weiterlaufenden Geschichten in einem Buch mit Einbahn-Richtung zu schreiben, wegen der Buch-Ontologie" - so hat das Nam June Paik einmal formuliert. (46) Hypertext befreit uns von der längst als Fessel empfundenen Linearität. (47) Oder man denke - um nach diesen Kurzausflug in die Literatur wieder zur bildenden Kunst zurückzukehren - daran, wie Max Ernst in seinen Collage-Romanen Retuschen und Eingriffe vornahm, die mit der heutigen Pixeltechnik noch weitaus perfekter realisiert werden könnten. (48) Und wenn Max Ernst erklärte, die Collage sei für ihn die "Alchemie der visuellen Vorstellung, das Wunder der gänzlichen Umgestaltung von Wesen und Gegenständen mit oder ohne Veränderung ihres physischen oder anatomischen Aussehens", (49) so ließe sich dies eben mit den heutigen Mitteln elektronischer Bildmanipulation wundervoll umsetzen.

Ebenso führt eine direkte Linie von Dada zur Video-Kunst. Die Zwischenglieder sind Happening und Fluxus, und Nam June Paik ist gewissermaßen die Personifikation des Übergangs. Oder erinnern wir uns an den Futurismus: Wibke von Bonin hat zu Recht darauf hingewiesen, daß die Futuristen, die davon sprachen, daß in ihrer Zeit "die allgegenwärtige Geschwindigkeit erschaffen" worden sei, "in der sprachlichen Vergegenwärtigung imaginärer Räume und ihres Verschwindens [...]  ihren realisierbaren Bildwelten weit voraus" waren. "Erst die Elektronik hat es ermöglicht", die von ihnen propagierte "Enträumlichung und Entzeitlichung" wirklich umfassend zu realisieren. (50)

Übrigens sehen wir auch frühere Kunst im Licht der neuen Möglichkeiten neu. Kandinskys Kompositionen der Jahre 1940-42, in denen nach Jahren der Abstraktion und Konstruktion organische Formen wiederkehren und die insgesamt durch deren freies Spiel gekennzeichnet sind und einen Geist der Leichtigkeit ausstrahlen, erscheinen uns heute wie geniale Vorwegnahmen computergraphischer Möglichkeiten.

Generell muß man beachten, daß nicht alle traditionellen Imaginationen der Künstler sich mit den damals zur Verfügung stehenden Mitteln realisieren ließen. Zur Kunstgeschichte gehört auch ein deutlicher Überschuß der Visionen gegenüber dem bildlich Machbaren. Man denke etwa daran, wie Leonardo da Vinci immer wieder an Grenzen der Machbarkeit stieß und nach neuen technischen und medialen Innovationen suchte. (51) Bedenkt man zusätzlich, daß nicht nur vorhandene Visionen unrealisierbar waren, sondern daß mit dem Fehlen der medialen Mittel auch die Möglichkeit fehlte, manche Visionen überhaupt erst auszuzeugen, so ist klar, daß zwischen traditioneller Kunst und heutiger elektronischer Kunst zwar große Unterschiede bestehen, daß es aber falsch wäre, ein simples Entweder-Oder daraus zu machen. - Wie stets: Die reine Alternative gilt allenfalls vordergründig, in Wahrheit bestehen Übergänge und Verflechtungen.

2. Nicht-mediale Kunst in einer mediengeprägten Welt

Zweitens möchte ich nun auf die andere Seite blicken, also auf die Seite derjenigen, die prinzipiell an den überkommenen bildkünstlerischen Medien festhalten und von ihnen aus auf die elektronischen Medien, auf die Verfassung der Bildlichkeit in einer durch diese Medien geprägten Welt reagieren. Auf dieser Seite sind zwei Einstellungen zu unterscheiden. Ich nenne sie abkürzend: Neuartikulation bzw. Opposition.

a. Neuartikulation

Ich glaube nicht, daß man als Künstler angesichts der gesellschaftlich neuen Situation der Bildlichkeit - angesichts der Bilderflut und der Dominanz der elektronischen Bilder - einfach weitermachen kann wie gewohnt. Man muß reagieren. Kunst hat immer auf gesellschaftliche Veränderungen des Ästhetischen reagiert. Heute sind verschiedene Antworten denkbar.

Als erstes natürlich die Angleichung. Man produziert nicht-elektronische Äquivalente der elektronischen Bilder oder versucht sich an deren Überbietung. Man läuft, um nicht antiquiert zu erscheinen, der medialen Aufgeregtheit hinterher. Das ist natürlich nur der symmetrische Fehler zur vorhin erwähnten medialen Imitation traditioneller Kunst. Jahrmarktsbuntheit, Dynamisierung bis zur Unkenntlichkeit, Gesichtsverlust haben wir ohnehin schon zuhauf. Dazu brauchen wir die Kunst nicht.

Anders verfahren diejenigen, die zwar auch an der Schnittstelle herkömmlicher und elektronischer Kunstformen arbeiten und daraus neue Impulse für ihre Arbeit in älteren Medien gewinnen. Sie eifern den elektronischen Bildern nicht nach, sondern ironisieren diese eher, vor allem aber reagieren sie so, daß sie zu neuen Bilderfindungen im eigenen Medium gelangen. Ich nenne zwei Beispiele: Jochen Flinzer und Martin Stumpf.

Flinzer zeichnet mit eigenartiger Strichführung. Sein Strich ist hakelig, er kennt keine kurvenartigen Übergänge, sondern nur gerade Linien, so daß immer wieder kurze 90-Grad-Zwischenschritte eingelegt werden müssen, um unter solchen Liniengesetzen Kurven zu erzeugen, etwa bei der Darstellung einer Tasse. Diese Liniengesetze sind offenbar von primitiven Monitordarstellungen abgeleitet, wo das Raster keine nahtlosen, sondern nur solch hakelige Übergänge zuläßt. Flinzer ironisiert nun diese scheinbar avancierte, in Wahrheit jedoch eher steinzeitlich anmutende Computertechnik. Er versagt sich dabei aber jede simple Demonstration der Überlegenheit des klassisch-schwungvollen Strichführung, sondern betreibt den Wettstreit mit gleichen Mitteln, also unter Akzeptation der computerartigen Rudimentärstrichführung - und gewinnt dabei doch mit Leichtigkeit, denn im Medium der Zeichnung nimmt diese hakelige Strichführung einen ganz anderen Sinn an: in ihr kommt die Widerständigkeit des Stiftes und der Hand zum Ausdruck, und so entstehen weitaus lebendigere Zeichnungen als beim computergraphischen Verfahren. Die vordergründige Anlehnung an die Computerzeichnung bringt die Handwerklichkeit und Lebendigkeit der Handzeichnung neu und überzeugend zur Geltung.

Auch Martin Stumpf reagiert auf Computergraphiken. Er tut es jedoch ganz anders als Flinzer. Stumpf übernimmt den feinen, autonomen und hyperpointierten Strich, wie er für avancierte Computergraphik kennzeichnend ist. Er entwickelt daraus neue Reduktions- und Präzisionsmöglichkeiten im traditionellen Medium der Zeichnung. Zugleich demonstriert er - auch in Verbindung mit motivischer Pfiffigkeit - die Überlegenheit des alten Mediums hinsichtlich des gleichen Mittels. Er arbeitet, von der Computer-Konkurrenz inspiriert, eine neue Eigenmöglichkeit des Mediums Zeichnung hervor. Die Strichzeichnung gewinnt bei ihm eine bislang unbekannte Reinheit und Kultiviertheit. Das meine ich mit "Neuartikulation": Der Blick auf das andere Medium hat zu Neuentdeckungen und Zuschärfungen im eigenen Medium geführt.

Ein solcher Paragone der Medien und die damit verbundenen Verschleifungen, Austauschprozesse und Übergänge scheinen mir hochinteressant zu sein. Es entsteht eine Neuinterpretation der alten Medien im Licht der neuen und umgekehrt. Und die dabei auftretende Kritik an den neuen Medien kommt nicht ideologisch oder kulturkritisch daher, sondern erfolgt strikt von den Möglichkeiten des eigenen Mediums aus, also genuin künstlerisch. Einer solch intelligenten und reflexiven, ironischen und auf die unterschiedlichen Codes bezogenen Auseinandersetzung traue ich viel zu. Sie wandert zwischen den Medien hin und her. Und Wanderer zwischen den Medien - und nicht etwa einseitige Elektroniknomaden - sollten wir heute wohl alle sein.

b. Opposition

Die zweite künstlerische Operationsform vom Boden der alten Medien aus habe ich die der Opposition genannt. Ich will innerhalb ihrer noch einmal zwei Versionen unterscheiden: eine überwiegend kunstaffirmative und eine vornehmlich sinnlichkeitsaffirmative.

aa. Opposition um der Kunst willen

Mit der ersteren meine ich den Rückzug auf die Widerständigkeit der Kunst. Man opponiert der schwülen Öffentlichkeit der medialen Bilder. Im Gegenzug gegen sie bringt man die Schwierigkeit, die Unzugänglichkeit, die Unbemächtigbarkeit von Kunst zur Geltung. Kunst dieser Art will nicht verstanden werden. Sie widersetzt sich dem sozialen Verständlichkeitsgebot - dem sensus communis, wie er heute durch die Kommunikationsmedien verkörpert wird. Die Werke schielen nicht auf Einschaltquoten, sondern hoffen allenfalls auf einige verwandte Geister, Seelen oder Augen - manchmal kokettieren sie wohl auch mit Unverständlichkeit für jedermann.

Diese Position kann durch Rückzug auf scheinbare Belanglosigkeit erreicht werden - damit die meisten achselzuckend oder höhnend vorbeigehen und nur wenige (die Richtigen) verweilen und schauen. Oder durch demonstrative Hermetik: durch Kargheit, Sprödigkeit, Heraufsetzen der Zugangs- und Eintrittsbedingungen. Die Werke versprechen dann keinerlei Animation. Nur Wenigen bieten sie - nach längerer Zeit - exquisite Genüsse. Solche Bilder wollen nicht auf dem Jahrmarkt der Bilder Figur machen, sondern in ihrer eigenen Welt wahrgenommen werden. sie sind gnadenlose Hardware ohne jede Software-Anmutung.

Arbeiten dieser Art schaffen, Kristallen vergleichbar, exterritoriale Orte der Autonomie und Ruhe inmitten aufgedrehter Bilderszenarien. Man könnte als Beispiele Arbeiten von Richard Long oder Twomblys Rückzug auf den bildnerischen Graphismus statt einer grassierenden Ikonik nennen. Die Werke nehmen darin eine nötige ästhetische Aufgabe wahr. Denn die Wahrnehmung braucht Zonen der Unterbrechung, der Andersheit und Ruhe. Jeder Wahrneh-mungs--psychologe weiß das. Wo alles Bild ist, ist nichts mehr Bild; Dauererregungen führen zu Abstumpfung. Inmitten der Hyperästhetik des medialen Raumes tut ästhetische Kargheit not. (52) Anhänger dieser Richtung meinen oft, daß Kunst nur noch auf dem Weg solcher Reduktion Kunst sein könne. `Arte povera' oder `Minimal Art' sind sprechende Ausdrücke dafür. Mario Merz erscheint dann im Vergleich schon wie ein medial oder alltagsweltlich infizierter Zauberer. Und Fabrizio Plessi - seinerseits ein Atavist innerhalb der Videogilde - nimmt sich in diesem Vergleich gar als kitschig aus (wie gesagt, von dieser Position aus gesehen und zu deren Verdeutlichung gesagt).

Eine andere Strategie in diesem Spektrum ist die Schaffung von Minimalitäten - ich denke etwa an die Arbeiten, die Georg Herold bei der Documenta IX (1992) zeigte: schon die Kleinheit nötigt zum genauesten Hinsehen, zur Bereitschaft, Nichtspektakuläres wahrzunehmen. Die Unscheinbarkeit eröffnet - gegenüber der Vollscheinbarkeit der medialen Bilder - eine andere Abteilung.

Botho Strauß hat darauf hingewiesen, daß sich die Positivität wahrhafter Bilder heute im Gegenzug gegen die mediale Bildlichkeit profiliert. "Wir schöpfen schon deswegen Atem vor einem Gemälde, weil es Bild und Anti-Film-Bild zugleich ist [...] zuerst [...] ist es das Gemälde, das uns vom visuellen Müll, der die Sinne belastet und zersetzt, reinigen könnte." (53) In der Tat haben viele Bilder heute ikonoklastische Züge gegenüber der mediokren Alltags-Bildlichkeit.

bb. Opposition um sinnlicher Primärerfahrungen willen

Schließlich: Wenn ich zuvor darauf hingewiesen habe, daß eine Doppelgleisigkeit der Entwicklung zu verzeichnen ist, sofern auf die fortschreitende mediale Immaterialisierung Tendenzen zu einer Revalidierung sinnlicher, lebensweltlicher und körperlicher Momente antworten, so kann Kunst sich heute gerade die letzteren Akzente zur Aufgabe machen, kann zum Anwalt von Primärerfahrungen werden. Dadurch opponiert sie der medialen Totalvernetzung und Kommunikationsmaschinerie. Sie bringt das Einmalige, das Unsubstituierbare, das Eigengesetzliche, das Individuelle, und ebenso das Träge, Unerhellbare, Materielle zur Geltung. Auf die Welt der Immaterialisierung und der Universalverfügbarkeit antwortet sie mit Rückzug auf Materialität, Erinnerung, Unerhörtes - noch einmal könnte man Long und Twombly anführen, oder auch Nikolaus Lang und Christian Boltanski oder On Kawara und Max Neuhaus.

 *

Vielleicht hat die Kunst sich heute gespalten. Vielleicht sind ihre traditionellen Momente in zwei Sphären auseinandergetreten. Große Kunst hatte immer etwas von Animation an sich - aber auch von Unbegreiflichkeit. Sie war ein Anwalt des Sichtbaren - und des Unsichtbaren zumal. Heute nimmt sich die Medienkunst der Eroberung der neuen Sichtbarkeiten, die traditionsfortsetzende Kunst hingegen der Seite des Übersehenen an. Wir sollten wohl in beiden Welten leben. - Und uns im übrigen nicht nur in Kunstwelten, sondern auch in anderen, in alltäglichen, privaten und möglicherweise noch unbekannten Welten bewegen.

Anmerkungen

(1) Heinrich von Kleist, "Über das Marionettentheater", in: ders., Sämtliche Werke und Briefe, Bd. 2, München 1987, 338-345, hier 345.
(2) Marshall McLuhan, Die magischen Kanäle. "Understanding Media", Düsseldorf 1968, 90.
(3) Ihab Hassan, "THE NEW GNOSTICISM: Speculations on an Aspect of the Postmodern Mind", in: ders., Paracriticisms. Seven Speculations of the Times, Illinois 1975, 121-147.
(4) Vgl. Hans Moravec, "Geist ohne Körper - Visionen von der reinen Intelligenz", in: Kultur und Technik im 21. Jahrhundert, hrsg. von Gert Kaiser, Dirk Matejovski u. Jutta Fedrowitz, Frankfurt a.M. 1993, 81-90, hier 84 f.
(5) Ebd., 89.
(6) Francis Bacon, Neues Organ der Wissenschaften, übers. und hrsg. von Anton Theobald Brück, Darmstadt 1974, 22.
(7) René Descartes, Discours de la Méthode, in: ders., Oeuvres, hrsg. v. Charles Adam u. Paul Tannery, Paris 1897-1913 (Neuausgabe Paris 1964-67), Bd. VI, 62 f.
(8) Boethius, Trost der Philosophie, hrsg. und übers. von Ernst Gegenschatz und Olof Gigon, Zürich 21949, S. 262 f. (5. Buch, 6.p.).
(9) Charles Baudelaire, Les paradis artificiels, Paris 1860.
(10) Immanuel Kant, Kritik der reinen Vernunft, A 334 u. 506.
(11) Vgl. zum epistemologischen Interpretationsbegriff: Günter Abel, Interpretationswelten. Gegenwartsphilosophie jenseits von Essentialismus und Relativismus, Frankfurt a.M. 1993.
(12) Rorty beispielsweise sagt, daß es Wirklichkeit nur als "Wirklichkeit-unter-einer-Beschreibung" gibt (Richard Rorty, Der Spiegel der Natur. Eine Kritik der Philosophie, Frankfurt a.M. 1981, 409). Ähnlich erklärt Goodman, daß wir "bei allem, was beschrieben wird, auf Beschreibungsweisen beschränkt" sind (Nelson Goodman, Weisen der Welterzeugung, Frankfurt a.M. 1984, 15).
(13) Vgl. Friedrich Nietzsche, "Ueber Wahrheit und Lüge im aussermoralischen Sinne", in: ders., Sämtliche Werke. Kritische Studienausgabe in 15 Bänden, hrsg. von Giorgio Colli und Mazzino Montinari, München 1980, Bd. 1, 873-890.
(14) Vgl. Georg Wilhelm Friedrich Hegel, Einleitung in die Phänomenologie des Geistes, Bamberg u. Würzburg 1807.
(15) So der Grundgedanke der Kritik der reinen Vernunft von 1781.
(16) Geradezu emblematisch kommt dies - pars pro toto - in Descartes' Erhebung des stocktastenden Blinden zum Modell des Sehenden zum Ausdruck (vgl. René Descartes, La Dioptrique, 6. Diskurs: Vom Sehen, in: ders., _uvres, a.a.O., Bd. VI, 130-147).
(17) Dabei habe ich - über die These von der prinzipiellen Künstlichkeit aller Welten hinaus bzw. auf einer ihr nachgeordneten Stufe - den Unterschied von Weltcharakteristika im Auge. Ich werde ihn nachher auch als den von `Ontologien' bezeichnen.
(18) "Die letzten Dinosaurier der Gutenberg-Galaxis [...] drohen auszusterben." (Norbert Bolz, Chaos und Simulation, München 1992, 135) - Differenzierter äußert sich dagegen Kittler: "Neue Medien machen alte nicht obsolet, sie weisen ihnen andere Systemplätze zu." (Friedrich Kittler, "Geschichte der Kommunikationsmedien", in: Raum und Verfahren [Interventionen 2], hrsg. von Jörg Huber und Alois Martin Müller, Basel 1993, 169-188, hier 178)
(19) Die euphorische Umkehrung von Postmans Einseitigkeit ist nicht weniger falsch als dessen Kassandra-Pathos.
(20) Georg Wilhelm Friedrich Hegel, Grundlinien der Philosophie des Rechts oder Naturrecht und Staatswissenschaft im Grundrisse, in: ders., Werke in 20 Bänden, Frankfurt a.M. 1986, Bd. 7, 26.
(21) Ein Beispiel: "Der Mediatext [...] vergißt die Dialektik und sucht die Ekstase, weil er sich als Teil der Medien versteht. [...] Sein mitreißender Wille zum Text wendet auf alle Begriffe und Informationen, die vorbeigeweht kommen, systematisch Willkür an." (Agentur Bilwet, Medien-Archiv, Bensheim 1993, 15)
(22) So sagt Holger van den Boom: "Das Digitale kann sich nur flach ausbreiten." (Holger van den Boom, "Digitaler Schein - oder: Der Wirklichkeitsverlust ist kein wirklicher Verlust", in: Digitaler Schein. Ästhetik der elektronischen Medien, hrsg. von Florian Rötzer, Frankfurt a.M. 1991, 183-204, hier 203)
(23) Vgl. Derrick de Kerckhove, "Cyberdesign - Interaktion mit virtuellen Realitäten", in: Das Verschwinden der Dinge. Neue Technologien und Design, hrsg. von Arnica-Verena Langenmaier, München 1993, 32-58, hier 52.
(24) Auf ihre Weise sind natürlich auch diese Wirklichkeiterfahrungen medial - nur nicht elektronisch-medial.
(25) "Die Zeitkategorie der Zukunft wird abgeschafft und durch die der erstreckten Gegenwart ersetzt." (Helga Nowotny, Eigenzeit. Entstehung und Strukturierung eines Zeitgefühls, Frankfurt a.M. 1989, 53)
(26) Vgl. Hans Magnus Enzensberger, "Das Nullmedium oder Warum alle Klagen über das Fernsehen gegenstandslos sind", in: ders., Mittelmaß und Wahn. Gesammelte Zerstreuungen, Frankfurt a.M. 1988, 85-103, hier 91.
(27) Vgl. Joshua Meyrowitz, Die Fernsehgesellschaft. Wirklichkeit und Identität im Medienzeitalter, Weinheim 1987.
(28) Zitiert nach: Hans Ulrich Reck, "Imitieren? Klar, immer. Aber wie?", in: Basler Magazin, Nr. 47, 25. 11. 1989, 1-5, hier 2. Vgl. meine Analyse in Ästhetisches Denken, Stuttgart 1990, 22.
(29) Die Restaurierung von Michelangelos Fresken in der Cappella Sistina wurde bezeichnenderweise von einer Fernsehgesellschaft (Nippon Television Network Corporation) gesponsert - die Fresken sind denn auch vollendet telegen wiedererstanden.
(30) Vgl. hierzu die aufschlußreichen Ausführungen von Florian Rötzer: "Ästhetische Herausforderungen von Cyberspace", in: Raum und Verfahren, a.a.O., 29-42, 41 f., sowie ders., "Virtuelle und reale Welten", in: Cyberspace. Zum medialen Gesamtkunstwerk, hrsg. von Florian Rötzer und Peter Weibel, München 1993, 81-113, insbes. 106.
(31) "[...] Nichts hindert, daß bestimmte wohlgeordnete Träume sich unserem Geist darbieten, die von uns für wahr gehalten werden und es vom Standpunkt der Praxis wegen ihrer durchgängigen Übereinstimmung auch sind." "Ja wollte man selbst das ganze Leben nur einen Traum und die sichtbare Welt nur ein Trugbild nennen, so würde ich meinerseits doch behaupten, daß dieser Traum oder dies Trugbild genügende Realität besitzt, wenn wir nur bei rechtem Gebrauch unserer Vernunft von ihm niemals getäuscht werden." (Gottfried Wilhelm Leibniz, "Über die Methode, reale Phänomene von imaginären zu unterscheiden", in: ders., Hauptschriften zur Grundlegung der Philosophie, Bd. 2, Hamburg 31966, 123-128, hier 126 bzw. 125) Borges' Erzählung "Die kreisförmigen Ruinen", in der ein Mann einen Jüngling an einem anderen Ort so präzis erträumt, daß dieser real wird - und es gibt eindeutige Berichte für den Erfolg -, endet mit einer Feuerprobe, die den Traumschöpfer zu der überraschenden Erkenntnis führt, daß auch er sich der Traumtätigkeit eines anderen verdankt: "Erleichtert, beschämt, entsetzt erkannte er, daß auch er nur ein Scheinbild war, daß ein anderer ihn erträumte." (Jorge Luis Borges, "Die kreisförmigen Ruinen", in: ders., Sämtliche Erzählungen, München 1970, 171-177, hier 177)
(32) Bezeichnenderweise ist der konstruktivistische Charakter von Wirklichkeit - nach den genannten philosophischen Vorbereitungen - in den letzten Jahrzehnten gerade von einer Richtung ausgearbeitet worden, die sich `Konstruktivismus' nennt und die von von vornherein in intensivem Kontakt mit der Kybernetik stand.
(33) Vgl. Verf., "Das Ästhetische - eine Schlüsselkategorie unserer Zeit?", in: Die Aktualität des Ästhetischen, hrsg. von Wolfgang Welsch, München 1993, 13-47.
(34) Medien können, anders gesagt, zwar universal, aber nicht total sein. Oder anders: Es kann zwar umfassende, aber nicht vollständige Medien geben.
(35) Botho Strauß, "Die Erde ein Kopf. Rede zum Büchner-Preis 1989", DIE ZEIT, Nr. 44, 27. 10. 1989, 65 f., hier 65.
(36) Die elektronische Darstellung der Körper verrät selbst die Sehnsucht nach der realen Fülle: Man sucht immer wieder Substitute der Körperlichkeit oder Substantialität einzubringen. Beispielsweise versucht man, das gewohnte Realitätscharakteristikum der Tiefe durch Farbsättigung und phantastische Detailgenauigkeit nachzuahmen und die kontinuierliche Präsenz von Körpern durch ein euphorisiertes Szenario nicht abreißender Transformationen und Übergänge zu ersetzen (vgl. Vivian Sobchack, "The Scene of the Screen. Beitrag zu einer Phänomenologie der `Gegenwärtigkeit' im Film und in den elektronischen Medien", in: Materialiät der Kommunikation, hrsg. von Hans Ulrich Gumbrecht und K. Ludwig Pfeiffer, Frankfurt a.M. 1988, 416-428, hier 426).
(37) Jean-François Lyotard, "Ob man ohne Körper denken kann", in: ders., Das Inhumane. Plauderein über die Zeit, Wien 1989, 23-49.
(38) Hubert L. Dreyfus, Die Grenzen künstlicher Intelligenz. Was Computer nicht können, Frankfurt a.M. 1985.
(39) Vgl. Paul Virilio, "Verhaltensdesign: Vom Übermenschen zum überreizten Menschen", in: Das Verschwinden der Dinge, a.a.O., 73-95, sowie Jean Baudrillard, "Überleben und Unsterblichkeit", in: Paragrana. Internationale Zeitschrift für Historische Anthropologie, Bd. 3, 1994/1, 95-111.
(40) Dietmar Kamper hat den Körper als Kritikorgan des fortschreitenden Zivilisationsprozesses in der Phase seiner elektronischen Potenzierung bezeichnet (vgl. Dietmar Kamper, "Die Wiederkehr des Körpers. Notizen zu einer Bestandsaufnahme des Zivilisationsprozesses", in: ders., Zur Geschichte der Einbildungskraft, München 1981, 39-46).
(41) Sten Nadolny, Die Entdeckung der Langsamkeit, 1983.
(42) Peter Handke, Versuch über die Müdigkeit, Frankfurt a.M. 1989.
(43) Heute, angesichts der Pixeltechnik, wo eine beliebige Manipulationen dokumentarischer Bilder, ja sogar die prinzipiell fotorealistische Darstellung frei erfundener Bilder möglich wird, reagiert die künstlerische Fotografie auf diese Delegimitation ihrer traditionellen Aufgabe, indem sie vom Realismus der Darstellung, also von allen dokumentarischen Ansprüchen oder Suggestionen, Abstand nimmt und Materialbilder produziert, die nun - wie autonome Werke - ohne irgendeinen Verweischarakter gesehen und gewürdigt werden wollen (vgl. Florian Rötzer, "Ästhetische Herausforderungen von Cyberspace", a.a.O., 39). Zu bedenken ist auch folgende interessante Erscheinung: Als das Fernsehen sich durchsetzte, übernahm die Malerei plötzlich - im Fotorealismus - wieder die Aufgabe einer realitätsgetreuen Wiedergabe von Wirklichkeit, die ihr zuvor von der Fotografie weggenommen worden war, die nun aber - durch das Aufgehen der fotografischen Prinzipien im Medium des Fernsehens - der Fotografie abhanden gekommen und dadurch gleichsam wieder frei geworden war.
(44) Zum Beispiel erzeugte A. Michael Noll 1965 eine computerisierte Neuinterpretation von Mondrians "Komposition mit Linien" und verteilte Kopien von Original und elektronischer Variation. Das erstaunliche Ergebnis: nur 28 Prozent der Experten (Mitarbeiter der Bell Laboratories) vermochten das computergenerierte Bild zu identifizieren. Und das erfreuliche Ergebnis: 59 Prozent gaben der computergenerierten Version den Vorzug.
(45) Kritisch äußert sich beispielsweise auch Frieder Nake: "Die Computerkunst ist technisch so faszinierend, weil sie thematisch so langweilig ist. [...]  Die thematische Öde zwingt sie geradezu zum technischen Perfektionismus." (Frieder Nake, "Künstliche Kunst. In der Welt der Berechenbarkeit", in: Kunstforum, Bd. 98, Jan./Febr. 1989, 85-94, hier 91)
(46) Nam June Paik, Werke 1946-1976, Köln 21980, 89.
(47) Heinz von Foerster hat das Buch als "Engpaß der menschlichen Kommunikation" bezeichnet (Heinz von Foerster, Sicht und Einsicht, Braunschweig 1985, 62). - Hypertext löst offensichtlich Desiderate modernen oder postmodernen Schreibens, wie Derrida, Deleuze und Guattari sie formuliert haben, in höchstem Maße ein.
(48) La Femme 100 Têtes, Paris 1929; Une Semaine de Bonté, Paris 1934.
(49) Max Ernst, Écritures, Paris 1970, 253.
(50) Wibke von Bonin, "Vom Künstlerfilm zum Videoclip", in: Die Aktualität des Ästhetischen, a.a.O., 169-191, hier 170.
(51) Nicht von ungefähr ist die führende Zeitschrift für Kunst der elektronischen Medien nach ihm benannt.
(52) Vgl. Verf., "Gegenwartskunst im öffentlichen Raum - Augenweide oder Ärgernis?", in: Kunstforum International, Bd. 118, 1992, 318-320.
(53) Botho Strauß, Paare, Passanten, München 1981, 113.