Eckhard Hammel

Einleitung


Bildende Kunst, selbst ein Medium, war immer auf Hilfsmedien angewiesen. Mit der Entwicklung der neuen Medien der Kommunikation hat sich diese Beziehung substanziell verändert. Die Beispiele dafür reichen von der technischen Reproduktion von Originalen über Designarbeiten, die sich heute als Kunstwerke behaupten, bis hin zu Videofilm und Computeranimation. Die traditionell klare Hierarchie ist aus den Fugen geraten. Neue Fragen nach dem Verhältnis von Kunst und Medien sind entstanden.

Ist die Kunst grundsätzlich abhängig vom technischen Fortschritt? Vermag sie eine aufschlußreiche Gegenführung zur Kommunikationstechnologie zu leisten? Vermag sich die Kunst noch der Medien als Hilfsmedien zu bedienen, oder ist die Kunst zu einem Hilfsmedium der kommunikationstechnologischen Medien geworden? Kann man die Antworten auf die Fragen dadurch umgehen, indem man einfach nicht mehr von "der" Kunst spricht?


Jean Baudrillard beantwortet in einem Gespraech Fragen zu den Quellen seiner Arbeiten, zu Raketen, Techno, Thrill Kill Cult und dem Heiligen.

Norbert W. Bolz untersucht in seinen Ausfuehrungen die Indifferenzierung von Wissenschaft, Kunst, Technik und Alltaeglichkeit in der postmodernen Welt der Simulationen. Es zeigt sich, dass der ństhetik dabei insofern eine Schluesselstellung zukommt, als diese immer schon mit Begriffen wie Simulation, Unwirklichkeit, Fiktion und Oberflaeche gearbeitet hat.

Gerhard Reda und ich handeln ueber das Problem filmischer Authentizitaet am Beispiel der Splatterfilme und der Beziehung zwischen Serienmoerdern und Film. Ohne die semantische Differenz von "echt" und "gestellt" diskutieren zu wollen, beschaeftigt sich der Beitrag mit der Erzeugung des Effekts der Authentizitaet.

Fuer Rudolf Heinz stellt der technologische Fortschritt nichts anderes dar als den Gipfel der christlich-abendlaendischen Metaphysik. Dass dieser Fortschritt keine Geschichte des Heils sein kann, expliziert Heinz unter Rueckgriff auf Themen der Pathognostik wie Dingproduktion, Psychose und Traum.

Lutz Hieber analysiert in seinem Aufsatz die Wirksamkeit des politischen Protestes am Beispiel US-amerikanischer Aufklaerungskampagnen ueber AIDS. Die Pointe seiner Ausfuehrungen scheint mir darin zu bestehen, dass subversive Bilder und Parolen ihre Bedeutung nicht allein auf der Ebene des Diskurses entfalten; sie funktionieren nach dem Prinzip von Icons und Symbols, die immer wieder in oeffentlichen Bildmedien auftauchen und dergestalt nicht zu uebersehen bei den Zuschauenden eine Erinnerungsprozedur implantieren.

Jochen Hoerisch eroertert in seinen Ausfuehrungen den Wandel vom inzwischen "unzeitgemaessen" Medium Buch zum zeitgemaessen Medium Bildschirm. Die Bedeutung des Menschen hat sich damit vom souveraenen Subjekt, das las und studierte, auf eine blosse Schnittstelle im Datentransfer reduziert.

Nach Dietmar Kamper ist der Kuenstlichkeit des menschlichen Machwerks jegliches Aussen verlorengegangen. Innerhalb der "Immanenz des Imaginaeren" wirken diese Machwerke auf die Menschen selbst zurueck, ohne dass diese die Moeglichkeit des Entkommens haetten. Kamper untersucht die Auswirkungen dieses koerperlosen Imaginaeren - Inbegriff dessen ist der illusionaere Raum von Filmleinwand und Bildschirm - das die Medienkonsumenten offenbar mit hoechster Lust geniessen.

Friedrich A. Kittler weist an historischen Beispielen nach, dass am Anfang und am Ende wissenschaftlich-technischer Entdeckungen Fehler und Stoerungen, "Missing Links" und "Breakdowns" stehen. Diese erst setzten die Entwicklung von Kommunikationsmedien in Gang. So dienten die ersten Digitalrechner fast ausschliesslich militaerischen Berechnungen einer Natur, die das "Eindringen an ihr selbst zerschellen macht" (Heidegger).

Am Leitfaden der postmodernen Zeiterfahrung diskutiert Mike Sandbothe kritisch die Positionen Lyotards, Derridas, Kerckhoves und anderer zeitgenoessischer Autoren, um schliesslich in einer Auseinandersetzung mit Rorty das Fundament zu einer pragmatischen Medientheorie zu legen.

Wolfgang Welsch untersucht physikalische, literarische und alltaegliche Welten, von denen jede kuenstliche, fiktionale Momente in sich enthaelt: "Alle Welten sind im Grunde kuenstliche Welten." Nicht als Allerheilmittel dagegen, sondern als Komplement zu dieser Verkuenstlichung, diesem Fortschritt des technologisch unterstuetzten Imaginaeren, plaediert Welsch fuer die (Wieder)-Entdeckung der je eigenen Vorstellungen und der je eigenen Koerperlichkeit.

In dem Gespraech, das die Textsammlung beschliesst, beantwortet Oswald Wiener zunaechst Fragen zu seiner Geschichte: der Arbeitsweise eines direkten Poeten und den damit verbundenen Gefahren im Wien der 50er/60er Jahre. Weiterhin erlaeutert Wiener sein spaeteres Interesse an der Automatentheorie und die damit verbundene Wiederentdeckung der Selbstbeobachtung.

E.H.